Berg, Alban: Brief an Anton von Webern. Trahütten, 11.8.1924
ALBAN BERG p. A. NAHOWSKI
TRAHÜTTEN IN STEIERMARK
POST: DEUTSCH-LANDSBERG
A./D. GRAZ-KÖFLACHER-BAHN
11./8. 24
Mein lieber Freund, Du hast mir eine ungeheure
Freude mit Deinen Noten gemacht. Allein der
Anblick dieser Satzweise ist Balsam meinen
Augen. Wie erst ihr Klang! Das Kennenlernen der
Lieder im Juli erleichtert mir letzteres (das „sie Hören“) ja
kollossal u. das andere scheint mir auch schon so vertraut,
daß ich meine helle Freude dran hab [zum Unterschied
der finstern Freude, die einem diese sogen. "A= u. Poly=tonalisten"
bereiten: ich denke da an die Indianermusik des
Milhaud in seinen letzten Trois Rag Caprices,
die Du sicher auch zugeschickt bekommen hast. Ich
schlage vor, diese „Six“ zum Unterschied von den
Sioux (Karl May!) die Six-Indianer zu nennen.]
Verzeih die Exkursion - - u. daß ich überhaupt
diese Erzeugnisse in gleichem Athem mit Deinen
Werken nannte.
Und nun auch Dank für die prachtvollen
Widmungsworte. Wie unvergeßlich ist mir diese
Phrase, die Du im Liederheft zitierst! Wie eindeutig
zutreffend das lateinische Zitat der Bagatellen. Ja,
das kannst du ruhigen Gewissens Deinem Schaffen als
Motto unterlegen. Schonberg hat es in seinem (in jeder
Hinsicht: sprachlich, phylosophisch u. musikalisch einerseits, als Freundes=
tat andererseits:) prachtvollen Vorwort auch bestätigt. Ich schrieb
auch Schönberg über dieses Vorwort.
Was machst Du nun? Aufsatz über Schonberg? Hast
Du meinen schon gelesen? Sag offen Deine Meinung!