Bettelheim, Anton: Brief an Rudolf Payer von Thurn. Wien, 22.7.1917
NEUE ÖSTEREICHISCHE BIOGRAPHIE
Wien, im Juni 1917.
Kenner und Freunde der heimischen Geschichte sahen es längst als vaterländische und
wissenschaftliche Ehrenpflicht an, für Österreich ein Monumentalwerk ins Leben zu rufen,
das den Vergleich mit der Allgemeinen Deutschen Biographie nicht zu scheuen hätte.
An vielfachen wohlgemeinten Versuchen, an Sammelwerken mannigfaltiger Art hat es
auf diesem Gebiete zwar bisher nicht gefehlt. Zumal Constant v. Wurzbach war bemüht, im
"Biographischen Lexikon des Kaisertums Österreich, enthaltend die Lebensskizzen der denkwürdigen
Personen, welche seit 1750 in den österreichischen Kronländern geboren wurden oder darin gelebt
und gewirkt haben", über 24.254 Namen mit Sammlerfleiß und Finderglück Aufschluß zu geben.
So anerkennenswert und vielfach unentbehrlich Wurzbachs Lebenswerk aber auch für jeden ist, der
über österreichische Dinge und Menschen des 18. und 19. Jahrhunderts Nachricht sucht, den Ansprüchen
der Gegenwart vermag sein Biographisches Lexikon nicht mehr zu genügen. Es enthält in seinen
1856-1890 erschienenen 60 Bänden die seit 1890, d. h. seit länger als einem Vierteljahrhundert neu
in Betracht kommenden Persönlichkeiten natürlich gar nicht. Es bietet nur sehr wenige, wortkarge, selten
abschließende Nachträge zu den oft Jahrzehnte zurückliegenden Angaben der anfänglich erschienenen
Bände. Ganze Gruppen, Industrie, Technik, Landwirtschaft, Sozial=Politik, die parlamentarischen
Körperschaften etc. erscheinen nicht in dem ihrer Bedeutung entsprechenden Maße vertreten. Vor
allem leidet das Lexikon aber darunter, daß Wurzbach sämtliche Artikel selbst zu schreiben und
damit eine, Kraft und Wissen eines Einzelnen weit übersteigende Aufgabe zu lösen unternahm.
Nur durch methodische Arbeitsteilung, wie sie die Allgemeine Deutsche Biographie und
die National Biography unter einheitlicher Oberleitung ins Werk setzten, kann es gelingen,
für alle Fächer mit derselben Sachkunde und Zuverlässigkeit vorzusorgen und Rechenschaft zu
geben. Die Möglichkeit, nach den gleichen, in Deutschland und England durch die Erfahrung
erprobten Grundsätzen eine Neue österreichische Biographie zu schaffen, ist außer Zweifel.
Unsere Heimat besitzt genug berufene Vertreter der Geistes= und Naturwissenschaften, genug
Schriftsteller und Künstler, um allen Anforderungen eines solchen Unternehmens gerecht zu
werden, wenn auch angesichts der Vielgestaltigkeit und Vielsprachigkeit der unter Habsburgs
Szepter vereinigten Völker besondere, doch unseres Erachtens keineswegs unbesiegliche Schwierig=
keiten für Anlage uns Ausführung eines derartigen Monumentum Austriae zu bewältigen
sein werden.
Im Vertrauen auf den Beistand aller vom Geiste rechter Wahrheits= und Vaterlandsliebe
erfüllten Gewährsmänner und Sachkundigen haben deshalb nach reiflichen Erwägungen die Unter=