Bettelheim, Anton: Brief an Heinrich Friedjung. Wien, 28.3.1919
PROFESSOR
Dr. ANTON BETTELHEIM
WIEN, 28. III. 1919
XIX/1., Karl Ludwigstraße 57
(VILLA GABILLON)
Lieber Freund!
Mitten in meinen, den Nachlaß=Aphorismen Anzengru-
bers geltenden Vergleichen, u. A. der Lectüre von Marc Aurels
Betrachtungen εἰς ἑαυτόν [eis heauton] und den ihm geltenden bio-
graphischen Studien von Zeller, Renan, Taine, erreicht mich Dein
Franz Joseph. Deine Würdigung ist viel milder, als ich voraus=
gesetzt; wenn ich nicht irre, Dein End=Urteil auch minder herb,
als in frühern Jahren. Dabei kommt allerdings in Betracht, daß
der junge Franz Joseph durch die Wandlungen in sein Mittel=
Alter und die allerletzte Phase selbst wesentliche Veränderungen
erfuhr. Was mich (außer dem persönlichen Eindruck, daß er der
Herrscher unserer größten Lebens=Zeit war und dem Mit=
leid mit seinen Schicksalen als Hausvater) wolwollend für ihn
stimmt, ist, daß er keine dauernde Menschen-Verachtung aufkommen ließ
und, nach dem Maß seiner Gaben, nicht aufhörte, seiner nicht
neidenswerten Berufs=Pflicht zu genügen. Was an dem Problem