Bettelheim, Helene: Brief an Richard von Kralik. Wien, 29.7.1933
Wien, 29.Juli 1933.
Sehr geehrter Herr Doctor!
Bei der Sichtung der unendlichen Menge literarischen und brief-
lichen Materials aus meines Mannes Nachlass, finde ich immer
wieder Briefe seiner Hand vor, bald begonnen u. jäh abgebrochen,
bald zu Ende geschrieben, doch, ob mit Absicht, oder in der Hast
der Gegenwart vergessen, - aufbewahrt.
Bei manchen Briefen ist es mir klar, warum er sie nicht abge-
schickt, weil er die, im raschen Impuls seines lebhaften Tempe-
raments hingeworfenen Zeilen, bei ruhiger Überlegung, die
dann meist bei ihm eintrat, besser zurückgehalten hat. -
Solche Ausbrüche allzu großer Aufrichtigkeit verbrenne ich, nach-
dem ich sie mit Rührung gelesen - denn in jenen fand
ich, die leidenschaftlich Wahrheit Suchende, lautere Gesinnung
meines jungen Toni wieder, - mochten sie auch noch so schroff
klingen! -
Heute aber, kam mir ein Brief in die Hand, den
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