Faistauer, Anton: Brief an Adalbert Franz Seligmann. Wien, 28.9.1928
Wien I.
28.9
1928.
Biberstraße 2
Sehr verehrter Herr Professor,
ich habe einen Brief von H. v. Hofmannsthal, der
mir Ihren Wunsch ubermittelt eine Einsendung von
mir über die traurigen Salzburger Fasadenmalereien
zu erhalten. Nun bin ich zwar jeden Tag durch deren
Anblick krank geärgert worden, konnte aber selbst
nicht einschreiten, weil mich diese „Künstler”
sofort als brotneidig u. befangen verleumdet hätten.
Ich kann aus dem gleichen Grunde auch als Ein-
sender nicht namentlich figurieren, ich schwöre Ihnen
aber, dass meine Darstellung sehr objektiv und sanft
genannt werden wird. Herr Reisenbichler,
der Maler ist eine Art Provinzgoliat mit vollkommen
falscher Muskulatur, primitiv und maßlos.
Wenn das Maß das Zeichen eines Künstlers ist, so
taugt dieser nur zu Erdarbeiten da er da nicht
über seine Kraft hinauslügen kann. Den Mann jagt
der Größenwahn und ich fürchte, dass er in paar
Jahren Salzburg von oben bis unten „vollgemacht”
haben wird. Vielleicht gelingt es dieses abzuwenden.
Es wäre mir ein großes Vergnügen Sie, verehrter Herr
Professor wieder einmal persönlich zu begegnen und ich
begrüsse Sie mit diesen Wunsche als Ihr
ergebener
Anton Faistauer