KARL VON FELNER
BERLIN-WESTEND
LEISTIKOWSTRASSE 6
TEL. WILH. 4074
den 22. März 1915.
Mein Lieber!
Mit anderen Leuten in Berlin kor-
respondirst Du, wie man erfährt. Ich bekomme nichts von
Dir zu hören! Aber dem verrückten Pfemfert, dem schreibst
Du. Die Aktionshorde ist doch eine närrische Bande. Ich
kann mir nicht helfen. Unter unendlich vielem bizarren Un-
kraut hier und da ein guter Keim. Na, Deutschlands poeti-
sche Hoffnungen wachsen auch anderswo, nicht bloß am Schreib-
tisch in der Nassauischen Strasse. Aber sonst hab ich gar
nichts weiter gegen die Leute. Mit Pfemfert plausch ich ab
und zu ganz gerne! -
Also wie gehts denn Dir? Wie halt einem jeden von
uns. Sollst doch nach Berlin kommen! In Wien ist schon gar
nix los! - Ich arbeite wie einer beim Schützengraben schip-
pen. In den letzten sieben Wochen habe ich zwei Stücke von
Anfang bis zu Ende hinter mich gebracht: Ein Märchenlust-
spiel "Prinzessin und Schweinehirt", und eine Komödie "Die
Tonne des Diogenes". Und ich glaub, sie sind nicht schlecht
gworden. Dir kann man ja nichts schicken; Du liests doch
weiß der Himmel wann erst! Meinen Eulenspiegel hast Du auch
noch; natürlich ungelesen.- Neulich habe ich Kayssler kennen
gelernt. Ich hab ihn in Zehlendorf besucht, war zwei Stun-
den bei ihm und bin fort mit der Freude, noch selten einem
BERLIN-WESTEND
LEISTIKOWSTRASSE 6
TEL. WILH. 4074
den 22. März 1915.
Mein Lieber!
Mit anderen Leuten in Berlin kor-
respondirst Du, wie man erfährt. Ich bekomme nichts von
Dir zu hören! Aber dem verrückten Pfemfert, dem schreibst
Du. Die Aktionshorde ist doch eine närrische Bande. Ich
kann mir nicht helfen. Unter unendlich vielem bizarren Un-
kraut hier und da ein guter Keim. Na, Deutschlands poeti-
sche Hoffnungen wachsen auch anderswo, nicht bloß am Schreib-
tisch in der Nassauischen Strasse. Aber sonst hab ich gar
nichts weiter gegen die Leute. Mit Pfemfert plausch ich ab
und zu ganz gerne! -
Also wie gehts denn Dir? Wie halt einem jeden von
uns. Sollst doch nach Berlin kommen! In Wien ist schon gar
nix los! - Ich arbeite wie einer beim Schützengraben schip-
pen. In den letzten sieben Wochen habe ich zwei Stücke von
Anfang bis zu Ende hinter mich gebracht: Ein Märchenlust-
spiel "Prinzessin und Schweinehirt", und eine Komödie "Die
Tonne des Diogenes". Und ich glaub, sie sind nicht schlecht
gworden. Dir kann man ja nichts schicken; Du liests doch
weiß der Himmel wann erst! Meinen Eulenspiegel hast Du auch
noch; natürlich ungelesen.- Neulich habe ich Kayssler kennen
gelernt. Ich hab ihn in Zehlendorf besucht, war zwei Stun-
den bei ihm und bin fort mit der Freude, noch selten einem