KARL VON FELNER
BERLIN - WESTEND
LEISTIKOWSTRASSE 6.
den 12. Dzb. 1915.
Mein Lieber,
vor ein paar Wochen habe ich Dir
mein "Marienkind" geschickt. Hast Du es erhalten?
Gelesen wirst Dus wol nicht haben. Lies es doch sobald
Du kannst. Und gib mir einen Rat, an welches
Wiener Theater ich damit gehen soll. Für nächstes Jahr.
Heuer ists natürlich schon zu spät geworden. Das Deutsche
Volkstheater hat abgelehnt, nachdem es sich das Stück
zuerst auf meine Anfrage hin hat kommen las-
sen: weil sie ihrem Publikum keine Kindermärchen vorse-
tzen könnten; außerdem koste die Inszenirung zu viel!
Dass mein "Marienkind" eine anständige Sache
ist, weiß ich . Darum werde ich auch einen schweren
Stand haben. Die Aussichten sind hoffnungslos, nach dem,
was ich in Berlin an "Märchen" gesehen habe! Nächstens
will ich was darüber in den Zeitungen loslassen. - Also
kannst Du mir bald was darüber schreiben? Sei doch
auch wieder Mensch und nicht bloß feldgrau. Die Farbe
wird furchtbar eintönig! Sie ist doch bloß ein Nebel,
hinter dem lebendiges, farbiges Lebensland liegt. Ein-
mal wird ja dieser Nebel doch weggehen - und mit
unseren Gedanken sind wir doch immer in diesem Lande
gewesen. Es rückt uns zeitlich, trotz allem, immer näher:
wollen wir als Fremdlinge wieder hinkommen? Und das
BERLIN - WESTEND
LEISTIKOWSTRASSE 6.
den 12. Dzb. 1915.
Mein Lieber,
vor ein paar Wochen habe ich Dir
mein "Marienkind" geschickt. Hast Du es erhalten?
Gelesen wirst Dus wol nicht haben. Lies es doch sobald
Du kannst. Und gib mir einen Rat, an welches
Wiener Theater ich damit gehen soll. Für nächstes Jahr.
Heuer ists natürlich schon zu spät geworden. Das Deutsche
Volkstheater hat abgelehnt, nachdem es sich das Stück
zuerst auf meine Anfrage hin hat kommen las-
sen: weil sie ihrem Publikum keine Kindermärchen vorse-
tzen könnten; außerdem koste die Inszenirung zu viel!
Dass mein "Marienkind" eine anständige Sache
ist, weiß ich . Darum werde ich auch einen schweren
Stand haben. Die Aussichten sind hoffnungslos, nach dem,
was ich in Berlin an "Märchen" gesehen habe! Nächstens
will ich was darüber in den Zeitungen loslassen. - Also
kannst Du mir bald was darüber schreiben? Sei doch
auch wieder Mensch und nicht bloß feldgrau. Die Farbe
wird furchtbar eintönig! Sie ist doch bloß ein Nebel,
hinter dem lebendiges, farbiges Lebensland liegt. Ein-
mal wird ja dieser Nebel doch weggehen - und mit
unseren Gedanken sind wir doch immer in diesem Lande
gewesen. Es rückt uns zeitlich, trotz allem, immer näher:
wollen wir als Fremdlinge wieder hinkommen? Und das