Felner, Karl von: Brief an Arthur Roessler. Berlin, 14.10.1918
Berlin-Westend, den 14. Oktober 1918.
Mein Lieber,
Ich habe Dir vor längerer Zeit aus Friedrichsthal
geschrieben und Dir auch ein Stück geschickt. Hast Du es und den Brief
erhalten? Jetzt bin ich wieder ständig in Berlin und warte, dass Du
kommst. Komm aber um Gotteswillen nicht zwischen dem 25. und 30. Okto-
ber. Um die se Zeit bin ich in Gera beim Fürsten in meiner Märchenspiel-
angelegenheit. Es ist wahrscheinlich, dass sich dort allerlei heraus-
macht. Wenns fertig ist, erzähle ich Dirs.
Du schriebst mir zuletzt allerlei Schönes von H. Bahr usw. Hast
Du da schon etwas erfahren können? Ich brauchte so notwendig eine
endliche Ernte meiner jahrzehntelangen Saat! Hier beginnt sichs lang-
sam zu rühren, aber viel zu langsam, um mir gerade das zu werden, was
ich jeder Beziehung so notwendig brauchte. Die The ater bedenken sich
jetzt alle, weil meine Stücke etwas schwieriger als gewöhnlich aufzu-
führen sind. Ist das auch ein Grund?! Mein vorläufiger Verleger ver-
spricht sich einmal ein großes Geschäft, - einmal! Wann???!!! Wie
stehts mit dem Avelun-verlag? Jetzt kommt doch Frieden und mit ihm
Papier ets. ets.
Ja, Frieden! Auf den wir seit vier Jahren warten. Und nun ist
er sang- und klanglos da, und wir fragen: warum? wozu?... Wozu das
Ganze? Damit ein Dutzend Menschen vernünftig werden? Haben darum eben
soviele Millionen zugrunde gehen müssen? Aber um Gotteswillen keine
Kriegs- und Friednsphantasien! Oder Jammern um etwas, das nicht mehr
ist! Wir haben vorwärts zu sehen und zu schaffen. Alles andere soll
uns nicht kümmern, und Reflexionen hemmen bloß. Es ist scheinbar mit
einem Schlage alles anders geworden; scheinbar, und im Grunde doch
vom ersten Tage an. Wir konnten damals bloß nicht richtig rechnen.
Aber was geworden ist, wurde mit mathematischer Notwendigkeit, sonst
wärs nicht geworden!
Was sich äußerlich mit mir begeben wird, weiß ich heute noch
nicht. Vor allem werde ich deutscher Reichsangehöriger. Bei euch ists
nicht möglich! Ob ich dann in Berlin bleibe, oder vielleicht auch
nach Rom gehe, ist heute noch ganz unsicher. Das hängt von meinen
Erfolgen oder Missfolgen ab. Nach Österreich zurück gehe ich niemals
wieder. Ich habe so das Gefühl, als kämst Du auch bald für dauernd
hierher. Oder täusche ich mich? Übrigens, ich erwarte schon lange
Dein von Dir angekündigtes Buch. Erhalten habe ichs nicht bis heute!
Nun ziehst Du also den Soldatenrock aus, und wirst wieder Mensch.
Und ich brauche ihn nicht auszuziehen, weil ich ihn nicht anhatte,
oder doch nur ganz lurz zu Anfang. Ich habe etwas anderes tun dürfen
in diesen entsetzlichen Jahren, und das ist ein unsagbares Glück,
für das ich zeitlebens dankbar sein werde!
Lass mich doch ehesten wissen, wofür ich mich einsetze. Und
dann, wann Du kommst! Dieses Mal werden wir uns nicht verpassen
Herzlichst
Dein
KF