haupt keine Post ausgetragen & an den beiden Weihnachtstagen
auch nicht. So erhielt ich Ihren lieben Brief vom 20. erst am
26. - Ich vergaß immer zu berichten, daß Rudolf besonders
beglückt vom Blatt war, auf das Sie die vielen deutschen
Marken geklebt hatten. - Wir haben unendlich viel Schnee
und Eis. Es wird nicht gesäubert wie einst - die Stadt ist
in einem argen Zustand. Das Essen, das ich von mei-
ner Mahlzeit in einem Schüsselschen vor das Fenster
den Vögeln hinsetze, gefriert sofort steinhart, so daß es
gar nichts nützt. - Zu den mit ihrem Schicksal Unzufriedenen
gehöre ich nicht. Mein eigen Los beschäftigt mich nicht. Was
sich im deutschen Reich abspielt, ist unsagbar. Meiner Über-
zeugung eine nie wieder auszumerzende Schande
für die sogenannt ! civilisierte Welt. In Österreich sind
übrigens derzeit tausende deutscher Kinder in Pflege.
Zu viele vielleicht - denn viele der eigenen haben
nicht genug zu essen. Gestern hörte ich, daß einer mei=
ner Freunde einen Knaben aus Steiermark auf-
genommen hat - das ist recht.
Ich glaube nicht, daß Minna Jaeglé verdient, daß man
ihr huldige. Nach meiner Erinnerung benahm sie sich,
was Georgs Andenken betrifft, eng und hart.
Ja, lieber Herr Professor, hier wird lustig weiter
gestreikt. Zuerst die Metallarbeiter, denen sich die
Elektrizitätsfabriken (Glühlampen etc) anschloßen.
Auch die Fabrik, in der Geiger Direktor & der Mann
meiner Perle Vorstand des Lohnbüreaus ist, war
geschlossen, sehr zum Mißvergnügen Beider. Dann kam
das gesamte Postwesen an die Reihe. Seipel legte
sich überall in's Mittel. Geiger sagt, er hätte nie
so einen Redner gehört. Resultat natürlich: Teue-
rung aller Lebensnotwendigkeiten.
Nächstens berichte ich Ihnen über meine pecuniären
Verhältnisse. Sie werden, wie es scheint, nun ganz geor-
net. Doch ist es noch nicht geregelt. Evi ist ja jetzt
leider durch den Tod ihres Vaters selbstständig
reich.
In's neue Jahr wünsche ich Ihnen Allen tausend
gute Dinge: vor Allem Gesundheit, Schaffenskraft
auch nicht. So erhielt ich Ihren lieben Brief vom 20. erst am
26. - Ich vergaß immer zu berichten, daß Rudolf besonders
beglückt vom Blatt war, auf das Sie die vielen deutschen
Marken geklebt hatten. - Wir haben unendlich viel Schnee
und Eis. Es wird nicht gesäubert wie einst - die Stadt ist
in einem argen Zustand. Das Essen, das ich von mei-
ner Mahlzeit in einem Schüsselschen vor das Fenster
den Vögeln hinsetze, gefriert sofort steinhart, so daß es
gar nichts nützt. - Zu den mit ihrem Schicksal Unzufriedenen
gehöre ich nicht. Mein eigen Los beschäftigt mich nicht. Was
sich im deutschen Reich abspielt, ist unsagbar. Meiner Über-
zeugung eine nie wieder auszumerzende Schande
für die sogenannt ! civilisierte Welt. In Österreich sind
übrigens derzeit tausende deutscher Kinder in Pflege.
Zu viele vielleicht - denn viele der eigenen haben
nicht genug zu essen. Gestern hörte ich, daß einer mei=
ner Freunde einen Knaben aus Steiermark auf-
genommen hat - das ist recht.
Ich glaube nicht, daß Minna Jaeglé verdient, daß man
ihr huldige. Nach meiner Erinnerung benahm sie sich,
was Georgs Andenken betrifft, eng und hart.
Ja, lieber Herr Professor, hier wird lustig weiter
gestreikt. Zuerst die Metallarbeiter, denen sich die
Elektrizitätsfabriken (Glühlampen etc) anschloßen.
Auch die Fabrik, in der Geiger Direktor & der Mann
meiner Perle Vorstand des Lohnbüreaus ist, war
geschlossen, sehr zum Mißvergnügen Beider. Dann kam
das gesamte Postwesen an die Reihe. Seipel legte
sich überall in's Mittel. Geiger sagt, er hätte nie
so einen Redner gehört. Resultat natürlich: Teue-
rung aller Lebensnotwendigkeiten.
Nächstens berichte ich Ihnen über meine pecuniären
Verhältnisse. Sie werden, wie es scheint, nun ganz geor-
net. Doch ist es noch nicht geregelt. Evi ist ja jetzt
leider durch den Tod ihres Vaters selbstständig
reich.
In's neue Jahr wünsche ich Ihnen Allen tausend
gute Dinge: vor Allem Gesundheit, Schaffenskraft