Friedländer, Alice: Brief an Elise und Helene Richter. 25.2.1932
ist einfach fabelhaft. Ich halte sie für die grösste
lebende Schauspielerin. Die Suggestion ist so stark,
dass diese ältliche, recht corpulente Frau, wenn sie tanzt
u. springt, graziöser, jugendlicher u. leichter
wirkt, wie ein zierliches junges Ding. Ich bin im
Begriff, etwas zu schreiben u. möchte es gern
bei der N. Fr. Presse anbringen, denn die hiesigen
Zeitungen haben ja ihre Kritiker. Jedenfalls werde
ich es Euch schicken. Gestern zum Schluss gab sie
noch einen Vortragsnachmittag mit Scenen aus Fidelio,
Walküre, Götterdämmerung, Bajazzi, Freischütz
u. s. w. Es war unbeschreiblich. Wir haben uns auch
persönlich sehr angefreundet u. der Abschied ist
mir blutsauer geworden. Eine herrliche Frau und
ein echtes Genie, deshalb natürlich von der Stelle, die
ihr zukäme, verdrängt. Sie müsste Regisseur an
einer grossen Oper sein, aber die Mediokritäten
haben natürlich Angst, dass sie dann in der Ver-
senkung verschwinden. Sie ist Professor an der Münch-
ner Akademie, war die Lehrerin von Maria Müller
u. Helene Wildbrunn. -
Franz hat in dieser Woche viermal im Rund-
funk zu tun gehabt, was natürlich sehr schön ist,
aber bei der jetzigen Sparpsychose nicht sehr ein-
träglich. Jedenfalls kommt er ordentlich hinein.