Friedländer, Alice: Brief an Elise und Helene Richter. Berlin, 10.11.1916
bald ihren Platz erobert haben. Man setzt grosse Hoff-
nungen auf sie. Ich selbst sah sie als Clärchen - sie
war eingesprungen - und fand sie gut. -
Von Hold kann ich Euch Neues erzählen. Er ist Gefreiter
geworden (die erste Stufe zum Feldmarschall) und zur Schiess-
schule nach Jüterbog versetzt worden. Dies ist 1 1/4 St. von hier
u. er darf jede Woche von Samstag Mittag bis Sonntag Abends
bei uns sein. Das ist natürlich wunderschön. Er bleibt bis Weih-
nachten dort. Ob die Junker dann noch einmal in ihre
Garnison Perleberg kommen oder an die Front, das weiss
Niemand, u. ich will auch nicht zu viel daran denken. Man
erfährt es früh genug. Im October war Hold ja 14 Tage auf
Erholungsurlaub bei uns. Er hatte die Gelbsucht gehabt, ich
pflegte ihn 8 Tage im Lazarett u. durfte ihn dann mit
hierher nehmen. Man geniesst es so mit Bewusstsein, wieder ein-
mal ein Kind zu Hause zu haben. Als er am 14. Oct. wieder
fort musste u. Max auch verreiste, war ich mutterseelenallein,
hatte aber so viel zu tun, dass ich gar nicht zum Bewusstsein
dessen kam. Mit Max ist es ein Kreuz. Er erkältete sich Ende
Sept. war all' die Zeit stimmlos, ging nochmals nach Ems,
kam fast geheilt zurück u. ist jetzt wieder heiser. Dabei ist
im Hals soviel wie nichts zu sehen, wahrscheinlich sind's die
Nerven. Aber es ist gräulich, denn er musste die 2. Vorlesung
u. allerlei auswärtige Vorlesungen absagen u. wer weiss
wie es noch wird. Ende November sollen wir nach Belgien (Brüssel,
Antwerpen, Lille, Brügge) zu Vorträgen gehen. Das könnte doch
so interessant werden.-
Eben lese ich, dass die Censur zwischen Oesterreich - Deutschland