Friedländer, Alice: Brief an Elise Richter. Berlin, 27.2.1917
und im April in der Schweiz für die Inter-
nirten Vorträge halten. Ich gehe aber nicht
mit, aus Gründen, die sich in einem offenen
Brief nicht gut auseinandersetzen lassen. -
Dass Euch mein belgischer Bericht Spass gemacht
hat, freut mich sehr. Aber Helenens Vorwurf wegen
„Begabungsvergeudung“ weil ich nicht schriftstelle-
re, ist doch ungerecht. Was sollte ich denn schreiben?
Feuilletonistisches Geplätscher liegt mir gar nicht,
u. wenn man der Welt nichts Neues, Sachliches
od. dichterisch Bedeutendes zu sagen hat, so
ist's doch besser, still zu schweigen. Ich finde,
es wird ohnedies ein unerhörter Missbrauch mit
Druckerschwärze getrieben. -
Tante Pauline ist fabelhaft. Wenn Ihr mir
ihre Adresse schreibt, möchte ich ihr nachträglich
gratuliren. - Seid Ihr durch die Verkehrsbeschränkun-
gen nicht sehr behindert? Eben sehe ich, dass
ich das Kohlrübenkochbuch vergessen habe. Ich besorge
es bald. Dein Geburtstagsgeschenkchen folgt auch
nachträglich. Ich konnte die letzten Tage nicht ausgehen.
Das macht mir die Einsamkeit noch fühlbarer.
Es ist gar zu viel, was auf mir lastet. -
Nun wünsche ich Dir nochmals alles Gute
und Beste und umarme Dich tausend Mal
Deine Alice
Viele Grüsse an Helene
Entschuldige die geflickte Ecke, sie riss ab als das Blatt
fertig geschrieben war