Friedell, Egon: Brief an Lina Loos. Wien, 3.11.1914
3.XI.1914
EGON FRIEDELL
DR. PHIL.
WIEN,
XVIII., GENTZGASSE 7.
[in roter Schrift:] Post [...]
Liebste Lina, wie schön war der gestrige Abend! Und
wie merkwürdig sind die Wege Gottes! Als ich Dich „liebte“
- was so die Menschen „lieben“ nennen - war ich über
jedes Beisammensein mit Dir unglücklich und machte
auch Dich selbst unglücklich durch meine Quälerei. Und
jetzt, wo unter der ungeheuren Katastrophe dieses
Krieges mit so vielem anderen Rein=Persönlichen
auch dies zusammengebrochen ist - konnten wir
zum ersten Mal seit langer, langer Zeit als Menschen
miteinander verkehren, ohne Mißverständnisse, ohne
Liebeshast. Da muß man sich doch wirklich fragen,