Friedell, Egon: Brief an Emil Geyer. Berlin, 10.9.1928
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3.) Ich bin bereit, Ihnen bei Ihren eventuellen Dispo-
sitionen in jeder Weise entgegenzukommen, indem ich bereit wäre, im
Laufe des September, falls Sie mich benötigen sollten, für einige Vor-
stellungen nach Wien zu kommen, was bei meinem Hass gegen Ortsveränderun-
gen viel heissen will.
4.) Mir liegt an der Verlängerung meines Urlaubs so
ausserordentlich viel, dass ich Barnowsky gebeten habe, ein Opfer zu
bringen, für den Fall, dass ohne Compensationen Sie auf meinen Vorschlag
nicht eingehen sollten. Barnowsky hat in Würdigung der für mich ausschlag-
gebenden Momente sich bereit erklärt, nötigenfalls Frau Maria Bard für
den Monat Oktober Ihnen zu überlassen, unter der Voraussetzung allerdings,
dass Frau Bard die Zeit, die sie jetzt bei Ihnen in Wien wäre, später in
Berlin nachholen könnte.
5.) Falls Sie fürchten sollten, dass Sie bei meinem
Antritt am 1. November riskieren, mich unbeschäftigt besolden zu müssen,
erkläre ich mich bereit, mich von Ihnen in diesem Falle für einen weite-
ren Monat beurlauben zu lassen.
6.) Sollten aber all diese Argumente, wider Erwarten und
meine bisherigen Erfahrungen, auf Ihr so weiches Gemüt und Ihren so
hellen Geist keine Wirkung üben, so erlaube ich mir, Ihnen hiermit mit-
zuteilen, so schrecklich es mir ist, dass ich, unter Benutzung meines
kontraktlichen Rechts ab 10. Oktober auf einen Monat in Urlaub trete.
Selbstverständlich wäre es eine unerträgliche Stillosig-
keit, wenn ich gezwungen wäre, mich plötzlich Ihnen gegenüber auf einen
seriösen, juristischen Standpunkt zu stellen, nachdem wir doch zu meiner
grossen Freude bisher ausschliesslich auf menschlich=seelisch=amikalem
Fuss verkehrt haben, was sich ja auch sinnfällig in meiner