Friedjung, Heinrich: Brief an Theodor von Sosnosky. Wien, 5.10.1918
[Mit blauem Stift: mir
nach
Tirol
nachgesandt.]
Wien, 5. Oktober 1918.
IX. Harmoniegasse 4.
Verehrtester Herr!
Es war mir sehr lieb, von Ihnen wieder
ein Lebenszeichen zu erhalten. Im Laufe des
letzten Jahres hegte ich öfters den Wunsch,
mit Ihnen einen Gedankenaustausch zu pfle-
gen. Ich bitte Sie deshalb, nach Ihrer Rück-
kehr nach Wien, mir Ihre Ankunft mitzuteilen,
am besten telephonisch, damit wir eine Zusam-
menkunft feststellen können. Der mir übersen-
dete Artikel über die südslawische Frage ist
ein Zeugnis für die Uebereinstimmung unserer
Ansichten, das mich in meiner Auffassung be-
stärkt. Wir werden uns auch sonst vielfach be-
gegnen, wenn wir auch in einem Hauptpunkte, dem
Verhältnisse Oesterreich-Ungarns zu Deutschland
nicht übereinstimmen. Es scheint übrigens wirk-
lich, dass die Pessimisten Recht behalten. In-
dessen haben sich die Mittelmächte so wunder-
voll geschlagen, dass darin allein eine Bürg-
schaft für Ihre Lebenskraft liegt.
Mit den wärmsten Grüssen verbleibe ich
in vorzüglicher Hochachtung
Heinrich Friedjung