Goering, Gerd Hans: Brief an Ernst Krenek. o.O., 4.2.1932
Lieber Freund!
Ich hatte Dir, sobald es mir wohler wäre, eine ordent-
liche Antwort auf Deine Bemerkungen zu meinem „Porträt..”
versprochen, obwohl die beste Antwort eine entsprechende
„Nachbehandlung” wäre, da Deine Bemerkungen fast
überall dahin treffen, wo auch mein Gewissen bockt.
Aber nun hat mir die „Sache 23” keine Ruhe gelassen,
es eröffnet sich da eine Fülle von Fragen, die auf das heikelste
Gebiet unseres Geisteslebens führen - wenn ich jetzt drauflos-
schreibe, soll ich vor allem selbst zu einer Klärung kommen.
Das Konzept zu „Dichterische Situation” vom vorigen April
hatte einen Anhang mit Bemerkungen über die Art, wie Schöffer
und sein kritischer Fuchser sich mit Sprachproblemen auseinan-
dersetzten. In der Einleitung dazu wurde die Vermutung aus-
gesprochen, dass im geistigen Zeitbild noch die Figur fehle, die sich
die Ausdrucksmittel und den Tonfall der Fackel zum
[V]erwechseln angeeignet habe und nun auf die Literatur
losgehe. - Bei der ersten Betrachtung von 23 war ich
noch beglückt. Dass auch ungerechnet der Fackel
(und des „Brenner”) eine Zeitschrift existiere völlig unab-
hängig von Inserenten, Verlegern, Geldgebern, Gönnern und
aller Art Dreinschwätzern und Vorschreibern, frei, einzig
dem Geistigen Zweck zu dienen - das ist gewiss ein Ziel auf's
innigste zu wünschen. Und das zweite, das Wiener Musik
leben zu reinigen, gewiss nicht minder wünschens-
wert. Ein solches Unternehmen wäre eine echte Frucht