Grau, Julius: Brief an Karl Kraus. Berlin, 22.11.1929
Bln. Charlbg 4, d. 22. Novb 29
Pestalozzistr. 11 II b/Schönhof.
zu 202
Sehr geehrter Herr Kraus!
Die an ihrem Vortragsabend (21.11.) gehörte Kenn-
zeichnung der „Weltbühne” veranlasst mich, Ihnen von
einem Briefwechsel Kenntnis zu geben, zu dem sich der
Unterzeichnete durch das niedrige Verhalten des genannten
Journales und des „Montag-Morgen” bewogen gefühlt hat.
An die „Weltbühne” erging kurz nach
der Matinée in der Volksbühne eine ironische Anfrage,
ob der „Weltbühne” jenes Ereignis nicht aufgefallen wäre und
ob ihr auch die Abende des „Theater der Dichtung” nicht einer
Würdigung wert erschienen wären. Mit 14tägiger Verspätung
kam dann das Produkt des Peter Panter zum Vorschein, welches
mir Veranlassung zu dem in Abschrift beiliegenden Schreiben gab.
Der „Montag-Morgen” erhielt wegen seiner
in der Nummer vom 4/11. verübten Niedrigkeit (Bild des
Herrn Th. Wolff mit Unterschrift betr. den „Broschürenredakteur”
K.K., dem durch den Prozess eine neue Lebensaufgabe verschafft worden
sei) einen derben Verweis, auf welchen er mit beiliegendem
Schreiben antwortete, welches mit einem weiteren Briefe pariert
wurde.
Wenn auch diese ganze Mittelmäßigkeit
nie zu besiegen ist, so war doch das Bedürfnis bestimmend,
zum eigenen geringen Teil an dem trotz allem notwendigen
Kampfe teilzunehmen. Den Dank aller Ähnlichfühlenden
an ihren Vorkämpfer abzustatten, ist eine schöne Pflicht für
den mit Ergebenheit Zeichnenden.
Julius Grau.