Hanak, Anton: Brief an Helene Koenig. Winkelsdorf, Landhaus Primavesi, 1.9.1918
Es war einmal ein grosses Kind, das ger=
ne träumte ~ dass die Welt niemals m
mit seinen neugierigen Augen erblick=
ken sollte. Es wollte niemals einsamm sein
es wollte in dieser Welt der Erwachsenen
seinen Platz haben. Eines Morgens erwachte
seine Begierde
eines Morgens wollte es d
dem Schöpfer gleich vor einem eigenen Wer-
ke stehen. Es nahm Farben zur Hand und
überstrich damit die Menschen den Him-
mel und die Erde
es nahm den Thon z
zur Hand und formte neue Menschen und
Träume. So irrte es im schönsten Reich des
Schöpfers so blieb es das grosse Kind. Eines
Morgens begegnete es einem reifen Manne
der eine grosse Last trug
den seine Lebens
bürde zu beugen drohte. Er war nicht trau-
rig noch müde ~ er wollte nur vorwärts
gehen. Das grosse Kind wollte auch eine Last
tragen
es wollte dem Manne die Last
abnehmen. In der Unkenntniss der eigenen
Kraft nahm es nicht nur die Last des Man-
nes auf sich es lud sich dazu auch noch
den Mann auf. Ob es vom Fleck gekommen d
das grosse Kind, weiss niemand. Man erzählt
nur dass es zu den Lasten auch noch eigene
Kinder laden wollte und dass der Mann
den es sich aufgeladen sich gegen diese wei=
tere Beschweerung wehren wollte. Das gros-
se Kind soll nicht weiter gekommen sein
es soll in diesem Meer der Last unterge-
gangen sein. Man behauptet sogar das die
ses arme Kind blind war und den Mann für
einen Jüngling angesehen hat. Sie sollen ~
zusammen versunken sein und niemals mehr
zur Welt kommen. Das grosse Kind hätte gut
gethan einen wahrhaften Jüngling gefunden
zu haben
er hätte es aufgeladen und durch
die Welt der wahren Liebe in ein schönes Nest
gebracht.
I.
Winkelsdorf 1. September 1918 AH
Landhaus Primavesi