Hanak, Anton: Brief an Rita Passini. Wien, 14.9.1923
Liebe Freundin! Sie werden vielleicht schon
wissen dass ich vielleicht auf einen, zwei, oder
drei Tage nach Graz kommen werde. Wie
ich mich erinnere planen die Grazer ein
Hugo Wolf Denkmal und soll ich mit
als Juror fungieren-. Soll ich das über
haupt? Aber überlassen wir es dem Schick-
sal. Ansonsten ist mit mir nichts Neues
vorgefallen. Ob ich wirklich noch in den letz=
ten 14 Tagen vor Oktober irgendwo rasten k
kann weiss ich zur Stunde noch nicht. Soll=
te dies der Fall sein so hoffe ich soviel Kr
Kraft zu sammeln dass ich wieder ein J
Jahr rasend arbeiten kann. Wie lange
noch? Manchmal wird Alles nur mehr ein R
Ringelspiel und es ist schrecklich dies zu erk
kennen. Aber ich habe kein Recht zu phi=
losofieren – bin ein Handwerker nur von Got=
tes Gnaden – ein Banause. Und was Ande=
re über unser Dasein träumen sind herrliche
Gaben Gottes und Abfalle vom Tische der
Menschheit. Macht nichts, wir sind glück=
lich im Hungern und Dürsten wir wachsen
wen andere uns in den Koth stossen ~.
Diesesmal bin ich müde und der Schirocco
streicht bis zu uns nach Wien. – Wien

ist es noch? Ich sehe es nicht mehr – ein
Häusermeer mit einem gierigen Magen und
einer erotisch tändelnden Gesellschaft von
Mumien. Soll ich mitthun – soll ich m
mein Lebenswerk damit beschliessen dass ich
nurmehr irgendwelchen zur Zeit bevorzugten
weiblichen Körpertheilen steinerne Denk=
mäler setze?
Herzlichste Grüsse und verbleibe ich i
In aller Ergebenheit
AHanak
Wien 14.IX.1923
Pavillon des Amateurs .