Haus, Anton von: Brief an Lucia von Fries-Skene. Pola, 10.1.1917 - 14.1.1917
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auf irriger Diagnose. Nach ihrem Rat
würde ich nur mein Glück los werden,
nicht aber mein Leid; u. die Freiheit, die
sie meint, wäre mir nur Verbannung
in eine öde Wüste. Drum, liebe Freun=
din, dürfen Sie an „Vorwurf” gar nicht
denken. Ich preise die unabwendbare
Notwendigkeit u. überlasse ruhig
Gott, der mir soviel gegeben, die Zukunft.
Ich halte es ganz mit Ihrer neuen, trotzi=
gen Stimme: „Lieber Lieb' u. Leid!” d. h.
für mich. Aber für Sie ist es doch ganz
anders! Ihr Leid ist mir ein ganz un=
erträglicher Gedanke! Davon kann
jedoch noch nicht die Rede sein, selbst wenn
manchmal noch eine zweite Stimme in Ih=
rem Inneren laut wird. Kann durch das
Duo die Harmonie nicht erst recht noch schö=
ner, lieblicher werden? In einer harmo=
nischen Natur, wie der Ihrigen, müssen
sich auch verschiedene Stimmen doch am
Ende zur Harmonie vereinigen, so=
wie in meiner zur madness - aber
hoffentlich nur einmal. Dennoch wächst un=
ter dem Eindruck Ihres Bangens in dem
wunderlieben eiligen Brieferl, - tausend Dank! wenn
Sie wüßten, wie oft ich es gelesen! - Ihrer Ratlosigkeit
gegenüber den zwei Stimmen, Ihrer vorübergehend
- hoffe ich! - gestörten Harmonie u. Ihres, wie es mir
scheint, nie enden wollenden Schweigens meine Un=
ruhe, mein Bangen - Bangen nur um Sie, geliebte Freundin!