Hock, Stefan: Brief an Heinrich Friedjung. Wien, 24.7.1915
Dr. STEFAN HOCK
XIX/4 HUSCHKAGASSE 22
Wien, 24. Juli 1915
Sehr verehrter Herr Doktor,
Wollen Sie es der herzlichen Verehrung, die ich
Ihnen und Ihrem Schaffen entgegenbringe, zugute halten,
wenn ich Ihre mich sehr überraschenden Bedenken gegen
eine formale Analyse von Dichtungen nicht schweigend
quittiere. Haben Sie jemals befürchtet, das Verständnis
eines Gemäldes könne durch eine Analyse seiner Komposi-
tion leiden? Eine Symphonie durch die Zergliederung
ihrer Themen und deren Durchführung unverständlicher
werden? Glauben Sie, dass ein Maler oder ein Musiker
bewusster schafft als ein Dichter? Dass dieser durch die
Formung seiner Gedanken und Gefühle nicht bestimmte
Wirkungen erzielen will? Dass das Verhältnis zwischen Form
und Inhalt nur in der bildenden Kunst und in der Musik
begriffsmässig erfasst, in der Dichtung aber nur erfühlt
werden kann? Dass es in der Dichtung keine Technik
gibt, weil ihr Instrument - die Sprache - auch unkünstle-