Hofmannsthal, Hugo von: Brief an Felix Braun. Rodaun bei Wien, 29.5.1919
Rodaun,den 29.V.I9I9.
Lieber Herr Dr. Braun,
Ich danke Ihnen vor Allem vielmals für Ihre so freundliche und er=
folgreiche Intervention beim G.Müller schen Verlag.
Ihre Worte über Pannwitz treffen genau das,worauf es mir anzukommen
scheint:Ja, eine ungeheure Kühnheit hat der Mensch,aber durch diese
Kühnheit in einer mutlosen undbeinahe verzweifelten Epoche,gerade durch
sie scheint sich mir das ausserordentliche Individuum zu beglaubigen.--
Gerne käme ich zu Ihnen,doch ist das Wetter beständig umspringend und
ich noch so wenig wohl,dass ich mich nichts getrauen darf.
Von Carossa sah ich nach unserem Gespräch noch im Inselalmanach ein über=
aus schönes Gedicht,und freute mich sehr.Seine zarten,fast unscheinbar=
en Gedichte haben,wenn sie gelingen,zuweilen etwas fast Magisches,ich
möchte sagen eine Glasur wie sie nur das grosse Feuer verleiht ---wenn man
sich dieses Gleichnisses aus der Keramik bedienen darf.
Darf ich Sie um ein Wort nur auf offener Karte bitten,ob Sie neulich
das Brenner-Jahrbuch,das Ihnen gehört,von mir mitgenommen haben,wo nicht
so hätte ich es in besonderer Sorgfalt irgendwo so schlau geborgen,dass
ich es nun nicht finden kann.
Ich wünsche Ihrer Arbeit Glück und schönen Fortgang.
Stets freundlich gedenkend
mit vielen Grüssen der Ihre
Hofmannsthal