Hofmannsthal, Hugo von: Brief an Franz Karl Ginzkey. Rodaun bei Wien, 28.12.1927
Rodaun 28 XII 27
Lieber Franz Ginzkey ! Sehr geehrter Herr Dr. Praehauser !
Richard Billinger hat sein " Perchtenspiel " vollendet, es einigen
Wiener Freunden, worunter Max Mell und ich, gezeigt, einige kleine Rat-
schläge sehr willig entgegengenommen, und wird nehme ich an kurz nach
Neu Jahr Gelegenheit suchen, die Herren des Curatoriums, und vor allen
Sie beide mit der schönen Arbeit bekanntzumachen.
Eines ist Billinger in einem Mass gegeben, das ihn fast über die meisten
von uns hinaushebt : die gedrungene Gewalt und bei aller Gedrungenheit
auch wieder der Glanz und die Süssigkeit des volksnahen sprachlichen
Ausdrucks. Hierin möchte ich ihn weniger einen Meister nennen, als einen
Begnadeten. Der Stoff für den die Anregung hier vorlag war seiner Begabung
günstig, denn seine Stärke sind die einfachen Gefühle in ihrer ganzen Ab-
stufung von der dumpfen Selbstversunkenheit und der zarten Hingebung bis
zur bäurischen oder naturdämonischen Leidenschaft. Er hat sich, mit der
Perchtenwelt als Mittelpunkt, einen recht einfachen und dabei menschlich
bewegenden Conflict ersonnen, das Undine-Motiv naiv-dramatisch abgewandelt
in 11 Bildern, jedes der Bilder steht recht fest da wie die einzelne Strophe
einer guten Ballade, oder der einzelne Holzschnitt einer Bilderfolge.
Die beiden mythischen Welten, die heidnisch-dämonische und die christliche,
treten recht einfach und grossartig gegeneinander auf. Die Tänze der schönen
Perchten und das wilde Toben der bösen Perchten bilden, glaube ich sagen zu
dürfen, auf eine sehr ungezwungene Weise den scenischen Mittelpunkt.
Es wird sich hoffentlich fügen, dass den Herren zugleich mit dem Text der
Dichtung der Faistauer`sche scenische Entwurf, völlig für die besondere
Lokalität gedacht , wird vorgelegt werden. Ich begleite diese Vorführung
mit meinen guten Wünschen. Ihr Ihnen beiden aufrichtig
ergebener
Hofmannsthal
PS. Für die ganz schöne Erzählung möchte
ich nun, da ich sie mit so großem
Vergnügen gelesen habe, nochmals erst recht danken.