Hofmannsthal, Hugo von: Brief an Felix Braun. Rodaun bei Wien, 18.6.1918
Rodaun 18 VI 18.
lieber Dr. Braun
Ihre Schmerzen kann ich glaub ich ahnend mitverstehen, Ihr
Brief hat mir Sie näher gebracht als Manches vorher, ich
danke Ihnen sehr. So auch für den Kierkegaard, er ist
mir zugekommen (in dem Heft der Zeitschrift Brenner) ich darf
das Heft wohl indessen behalten bis Sie darüber verfügen.
Ein Mensch ist als geistiges Phänomen in mein Leben getreten, wie
nie einer zuvor, er heißt Rudolf Pannwitz, vielleicht
kommt Ihnen von seinen bis jetzt publicierten Schriften etwas
in die Hände, ich nenne die Namen, doch ist mir schon heute
das Unpublicierte noch unendlich mehr, auf ihn neben
Borchardt u. Schroeder orientiere ich mein geistiges Dasein.
Dionysische Tragödien, ein Band; Die Krisis der europäischen
Kultur, ein Band, beide bei Hans Carl in Nürnberg.
Ebenso merkwürdig ein Bändchen: „Zur Formenkunst der Kirche“
dies in einem bekannten evangelischen Verlag in Wittenberg,
dessen Name mir entfällt.
Lesen Sie die Dionysischen Tragodien, die seit 6 Jahren unbeachtet
daliegen, und sagen mir, wie Sie über die beiden letzten, zumal
Iphigenie mit dem Gott denken. Denken Sie wie ich,