Holzmann, Michael: Brief an Unbekannt. Wien, 6.3.1929
Hofr. Dr. M. HOLZMANN
Wien, IX./1 Alserbachstrasse 2.
6. März 1929
Hochgeehrte gn. Frau!
Indem ich rein zufaellig in meiner stillen Einsamkeit zur Kenntnis
Ihrer w. Adreße gelangt zu sein glaube, kann ich es nicht unterlaßen mich
nach Ihrem und Ihrer w. Angehörigen Befinden zu erkundigen, auf die
Gefahr hin, daß Sie sich nicht einmal meines Namens mehr erinnern
werden. Das menschliche Leben ist bekanntlich die beste Erziehung zur
Bescheidenheit und so vegetiere ich nach einem mehr als dreißigjährigen
amtlichen Martyrium, und dem laut Versailles Vertrag erfolgten
"Abbau" i.e. Hinauswurf als oesterreichischer Alt Pensionist und freier
Literat. Im verflossenen Sommer war ich durch sechs Wochen mit dem intensiven
Studium der Matriken Piesling-Markwaretz-Wölking in Piesling beschaeftigt
u.A. den zweihundertjaehrigen Stammbaum der Familie herzustellen.
Derselbe erscheint, wenn es Sie interessieren sollte, innerhalb der grossen populär-
wissenschaftlichen Familienbücher "Die Juden und Judengemeinden
Maehrens" (Brünn Chefredakteur Hugo Gold Adlergasse 9). Ich habe mich
dem Rathe literarischer Freunde gemaess selbstlos zur Verfügung gestellt und
durch volle 8 Monate bei schwer leidendem Zustande, geschwächtem Augenlicht
und einer durch einen unglücklichen Sturz von der Elektrischen (12/2/1924)hervor
gerufenen dauernden Unbeweglichkeit um 2 Uhr Früh beziehungsweise 12 Uhr
Nachts mit dem Aufgebote meiner letzten Kraefte gearbeitet um speziell
Piesling 20 Seiten doppelsp. mit 10 Fotografen u 1. Abbildung des Tempels widmen