Jacobsohn, Siegfried: Postkarte an Karl Kraus. Charlottenburg, 17.11.1920
DIE WELTBÜHNE
Herausgeber: Siegfried Jacobsohn
Charlottenburg, am 17. November 1920.
Dernburgstraße 25 Fernsprecher: Wilhelm 1943
Postscheckkonto : Berlin 11958
Lieber Herr Kraus, ich
krepiere täglich zweimal vor Wut, wenn ich sehe, daß
die Reaktion eine Zeitung nach der andern aufkauft,
eine Zeitschrift nach der andern gründet, während
es mir an Betriebskapital fehlt, um die Wirk[un]g meines
Blattes zu verzehnfachen. So, wie es heute ist und geht,
kann es nach menschlichem Ermessen bis an das Ende
meiner Tage bleiben: zu einem Ausbau, wie er mir vor-
schwebt, brauchte ich eine halbe Million. Hier wird
mir gesagt, daß der geeignete Mann für mein Projekt
Herr W. sei, der Bruder des großen Otto, und daß Sie ?
entscheidenden Einfluß auf ihn haben. Da überwin-
de ich meine Scheu, Sie zu behelligen, und frage Sie: Wol-
len Sie nicht einmal mit W. reden, der nach den An-
gaben seiner berliner Bekannten mehr Millionen
besitzt, als er selber weiß? Und wenn er nicht prinzi-
piell abgeneigt ist, ihn veranlaßen, daß er sich bei sei-
ner nächsten Anwesenheit in Berlin mit mir bespricht?
Sämtliche Geschäftsbücher des Unternehmens stehen ihm
zur Verfügung. Es handelt sich nicht um eine Maece-
natenangelegenheit. Kein Pfennig würde verloren gehen.
Wie finden Sie, daß Hans Janowitz unter die Mit-
arbeiter Ehrengroßmanns gegangen ist? Der fragt Herrn
[oberer Rand:]
Ludermann, wie er über den Fall Georg Kaiser denke, und druckt
von ihm: „Wir Künstler müssen ...?”
Und wann kommen Sie? Mit herzlichen Grüßen Ihre
Jacobsohns