Jahoda, Georg: Brief an Karl Kraus. Wien, 18.1.1924
Wien , 18. Jänner 1924
Sehr geehrter Herr Kraus!
Kurz nach Einlangen der famosen Einladung der Kunstgemeinschaft kam ein
Herr ins Büro, der Sie in einer persönlichen Angelegenheit durchaus zu
sprechen wünschte. Es wurde ihm bedeutet, dass das nicht möglich sei, was
er mit Erstaunen zur Kenntnis nahm, jedoch den dringenden Wunsch äusserte,
dass Ihnen folgendes mitgeteilt werde. Er stellte sich als Maler Erwin
Pendl vor und zeigte ein Buch mit zahlreichen Unterschriften von den
" bedeutendsten Männern der Literatur, Kunst, Politik, Industrie" und wahr-
scheinlich auch der Hautfinance und äusserte den dringenden Wunsch, dass
Sie infolge seiner Wertschätzung für Sie, sich auch darin verewigen mögen.
Es wurde ihm natürlich von mir bedeutet, dass dieses Begehren vollständig
aussichtslos sei, da Sie derartige Wünsche grundsätzlich ablehnen. Er berief
sich auf seine Ideengemeinschaft mit Ihnen, infolge deren er von keinem
gekrönten Haupte eine Unterschrift einholte, wiewohl er mit Kaiser Karl
und Kaiser Wilhelm direkten Verkehr gepflogen hatte, wofür er als Beweis
auf eine brillantene Busen-Nadel mit der Initiale " W " mit Krone, hinwies,
die er trägt und die er von Kaiser Wilhelm bekommen hat. Einblick in das
Buch nahm ich selbstverständlich nicht und wiederholte nur immer, dass
sein Begehren aussichtslos sei. Er liess aber nicht locker, bat man möge
Ihnen das mitteilen und auch sagen, dass Sie an den Sonntagen den 27. Januar
und 10. Februar 1924 zwischen 9 Uhr früh und 6 Uhr abends in sein Atelier
kommen mögen, um sich in dem Buch zu unterschreiben, eventuell würde er
Ihnen " ausnahmsweise die ‚Ehre’ erweisen, Sie persönlich zu besuchen", denn
es sei eine Ehre, da die prominentesten Persönlichkeiten, die zu ihm ins
Atelier kamen, wie Krupp, Fürst Liechtenstein etc etc in seinem Autogramm-
buch sich verewigten. Nur aus dem Grunde, weil die gekrönten Häupter nicht
zu ihm ins Atelier kamen, nahm er deren Unterschrift nicht auf, weil er