Bartsch, Rudolf Hans: Brief an Franz Karl Ginzkey. o.O., 23.11.1928
Wien III.Invalidenstraße 3 , 23.11. 28.
Liebster alter Freund !
Soeben erhalte ich beifolgenden Brief . Wie oft werfe ich Schrei=
ben weg , die von dir als meinem Freunde etwas verlangen und denke an Goethe , der zu Genast sagte :
„Mit Briefantworten muß man Bankrott machen und nur unterderhand diesen oder je=
nen Kreditor befriedigen . Meine Maxime ist : Wenn ich sehe , daß die Leute bloß
Ihretwegen an mich schreiben, etwas für ihr Individuum damit bezwecken , so geht
mich das nichts an .Schreiben Sie aber meinetwegen , geben sie mir etwas mich
Förderndes , mich Anziehendes , dann muß ich antworten ”.
Nun , fördernd für den Kunstkenner ist auch die Tatsache,daß man
ein Temperabild nie nach dem Photo beurteilen darf ! Es wäre denn Ofsett . Ich
selber habe beim alten Kasimir , der fast nur in Tempera arbeitete , die verhee=
rende Wirkung der photographischen Platte da beobachten können ; sie arbeitet
bis zur Unkenntlichkeit um ! Daß der Künstler sich zurückgesetzt und ungerecht
beurteilt fühlt und rekurriert , ist höchst begreiflich . Dazu ist nun Dier ein
Freund Staackmanns und des Verlages , befindet sich , wie er schreibt , in aller=
höchster Notlage und sein Vorschlag um Revision ist mehr als berechtigt ! Aller=
schlimmstens Falls kann man ihn ja der „Ellida” zu einem Trostpreis vorschlagen
und sein Bild zum preisgekrönten dazu annehmen, was der Firma nur erwünscht sein
kann . Ich bitte dich also , wie ich selber in diesem Fall, eine Ausnahme zu machen,
dich durch die entsetzliche Schrift in Geduld durchzuwinden und dann ein wenig
nachzudenken , ob man dem armen , feinen Menschen zu etwas Gerechtigkeit verhelfen
könnte . Fällt das Urteil der Nachjury gegen ihn aus , kann man nichts machen ;
aber Gelegenheit zur Überprüfung einer Ungerechtigkeit des Zufalls müßte man
ihm doch geben ; nicht ?