Bartsch, Rudolf Hans: Brief an Franz Karl Ginzkey. Sankt Peter, 16.9.1926
und vor dem bloßen Können habe ich so wenig Respekt , daß ich sogar mei=
nem lieben Freund Beppo Marx-, als Musiker-, ausweiche , je mehr er kann ,je
weniger er ist.
Daß Kunst, über Allem Können sei , weil zufällig das Wort drinsteckt,leugne ich.
Michelangelo soll einmal gesagt haben , als er hörte ,Raffael sei heimlich
in der Sixtina gewesen und kopiere jetzt seine Art :"Er wird es können ;
aber er wird es nicht sein." Damit war für ihn das Emporstrahlen des
neuen Sterns erledigt .
In dieser wenig hohen Einschätzung des Könnens stehen wir uns dia=
metral gegenüber , ich weiß es ; aber auch du weißt , lieber Alter , daß
ich damit lebe und sterbe .
Ich rühre mich also in dieser Sache gar nicht und habe noch nicht
einmal an Lessing geschrieben , werde ihm auch bloß dankend sagen , daß
er mir recht zu haben scheine und daß ich nicht berufen wäre , über etwas,
was bei mir Natur und nicht Arbeit oder Gedanke ist , zu entscheiden .
Habt Ihr heuer auch solch einen Himmelsherbst wie wir hier? Unsere
Trauben färben sich und beginnen weich und süß zu werden und alle Morgen
bin ich mit dem Gewehr im Walde , da ich hier die Jagd gepachtet und sehe
den Nutzwild alles , seinen Räubern wenig nach . Obwohl ich immer schwe=
rer das Gewehr gegen eine Kreatur löse , mag sie auch noch solch ein bos=
hafter und vergesellschafteter Schuft sein , wie etwa Krähe und Elster.
Gestern unterhielt sich ein Nußhäher damit , täuschend genau einen quit=
schenden Schubkarren nachzuahmen , der bei neun Zehntel der Umdrehung
normal raunzt und dann an einer Stelle sich reibt und betäubend hoch auf=
quiekt ; es war zum Todlachen . Ein anderer hatte gar an einem Fenster
das Telephon gehört , sagte "Halloh?" und murmelte"dann bwlwlbewl belbel."
Dieser letztere war in Gösting zuhause und freilich in menschlicher Ge=
fangenschaft gewesen . Als man ihn stahl, verriet er aus seinem Sack heraus
den Dieb , indem er kreischend angstvoll "telefonierte". Gestern zählte ich