Einberger, Andreas: Brief an Arthur Rössler. Telfs, 1929.02.°°
Telfs am Aschermittwoch 1929
Verehrter Lieber Herr Roessler!
Schon längst habe ich Ihnen Einiges über meinen Lebenslauf
mitzuteilen versprochen. Heute ist gerade ein Tag wo im
allgemeinen die Menschlein sich Asche auf ihr Haupt streuen
lassen und ihr Gewissen erforschen.
Wann ich an's Tageslicht kam wissen Sie schon, über meine
erste Betätigung auf dieser Welt kann ich nichts vermelden,
meine alteren Brüder sagten ich sei ein rechter Dreckkäfer
gewesen; etwas wahres wird schon daran sein. Bis zum
6. Jahr wurde ich von meiner Großmutter auferzogen
deren Liebling ich war; sie verwaltete das Anwesen
meines Großvaters bis es an Baron Lipperheide verkauft
wurde. Diese Großmutter soll mich sehr zerzogen haben
ich sei namenlos eigensinnig gewesen. Und doch danke
ich der Liebe dieses alten Menschen so viel, ich zog
sie jeden Monat einmal zur Kirche auf einen Bauern=
kinderkarren da sie schlecht bei Gang war; in ihrem
letzten Lebensjahr lag sie im Bett, da las ich ihr jeden
Tag so u. so viele Seiten aus einem großen, alten
ledergebundenen Gebetbuch mit 1 cm hohen Buchstaben
vor, nach ihrem Wunsch sollte ich Geistlicher werden.
Dann kam die Schule und mit ihr für mich der Leidensweg.
Hier hatte es sich erwiesen daß mit dem Geistlichwerden
wohl nichts zu machen sei, Religion war stets die
mindeste Note; ständig ein 3. Einmal sagte die Mutter
wenn ich nochmals mit einen 3. komme werde ich das Meinige
erleben, und gerade diesesmal bekam ich einen 4; ich wollte
mir helfen radierte und schrieb eine 2 hin, beim zurück=
tragen der Zeugnisse radierte ich wieder um den 4 hin=
zuschreiben da bekam das Zeugnis bei der Religion
ein Loch, und nachher habe ich das Meinige erlebt.