Bartsch, Rudolf Hans: Brief an Unbekannt. Wien, 7.12.1915
Wien, 7.XII.1915.
Hochgeehrter Herr Oberstleutnant ,
Lieber Freund !
Es bedrückt mich sehr schwer , daß ich immer noch nicht arbeiten
kann und mein Leiden sich nicht geben will . Vor einer Woche hoffte ich
dir schon Bericht erstatten zu können , es gienge nun besser und ich
würde dich bald mit einer Arbeit erfreuen . Jetzt ist es , wirklich ganz
ohne ersichtlichen äußern Grund ,(wenn nicht ein gemeiner anonymer Brief
der in mein ehemaliges Liebesleben griff , Anlass gab), wieder so schlimm
geworden , daß ich weder essen noch schlafen kann . Wie Stein liegts
mir im Magen , Durchfälle über Durchfälle , und dabei sehe ich immer
noch gut aus . Ich weiß schon gar nicht mehr , was ich tun soll , und da
ich in diesem Zustande doch nicht immer uneingestandenen Urlaub haben
kann , so werde ich früher oder später zum Arzt gehen müssen , vor des=
sen Verfügungen und Ratschlägen ich jetzt schon ein Grauen habe ; nichts
verpatzt einen Kranken mehr , als ärztlicher Dünkel und liebloses Unver=
ständnis , das jedes Leiden generalisiert .
Baden ist noch meine einzige Hoffnung ; aber in meinem Häuserl
herrscht und haust der böse Feind : Maurer und Monteure quälen die armen
Mauern , der Schutt liegt kniehoch drin und der feuchte Verputz ist in
einem Monat noch nicht trockengeheizt ! Vor Mitte Jänner werde ich kaum
hineinkönnen , wenn mir der Baumeister auch Weihnachten als Einziehtermin
nennt . Ich habe nun schon über dreizehntausend Kronen blos in das Häusel
allein gesteckt ; mit Übertragung und Garten sind das nun schon 23000,
so daß es mich richtig auf über 60.000 kommt ; auch das sind recht arge
Sorgen , da ich nicht weiß , woher das Geld nehmen und so quälts mich von
allen Seiten , damit ich nur ja nicht gesunde .