Berlin=Wilmersdf, Berlinerstr 10.
1. April 1925.
Lieber Gulian!
Wir wollen doch nicht die drei Wochen, die uns
nun schon wieder trennen, zur Ewigkeit anschwellen lassen!
Also schreib ich Dir, spät in der Nacht und mitten in
dicker Arbeit. Muß heute noch ein schwieriges
Exposé peinlich genau ausarbeiten, denn morgen
abends habe ich auf einem hochpolitischen Parlamenta=
rischen Abend des Reichstagspräsidenten, sehr zu meiner
Unlust, vor 200 „Fach“=Politikern (allen Ministern
und vielen Abgeordneten) zu orakeln. Das Au=
ditorium macht diese Anstrengung ungewohnt;
denn mit besserem Verstand sogar kann sich der
politische Outsider vor den Technikern und Spezialisten
blamieren. Was mich selber betrifft, wär's mir
Wurst - aber eine Gelegenheit wäre verpatzt. Ich
würde sie gerne benützen, um gar manchem
Trümmer von Aufrichtigkeiten zwischen die Zähne
zu schmeißen. Außerdem nutzt mir morgen, wo's
vernünftig, d.h. streng sachlich zu sein gilt, kein
Schwung und Schwafel. - Verzeih, daß ich diese
Selbstvorhaltungen zufällig Dir schreibe, - weil
sich dieser Brief gerade während meines Brütens
entwickelt. Ich könnte noch weiter sinnieren und
fragen, warum ich mir, da doch die Zeit der
Auswirkung immer kürzer wird, all die von
meinem persönlichen Weg abseits liegende Beschäftigung
aufhalse? Aber wer einmal in's Rutschen kommt!
Ja, ja ich rutsche - ohne privates Ziel. - - Dir
steht Angenehmeres bevor. Ich meine damit nicht
1. April 1925.
Lieber Gulian!
Wir wollen doch nicht die drei Wochen, die uns
nun schon wieder trennen, zur Ewigkeit anschwellen lassen!
Also schreib ich Dir, spät in der Nacht und mitten in
dicker Arbeit. Muß heute noch ein schwieriges
Exposé peinlich genau ausarbeiten, denn morgen
abends habe ich auf einem hochpolitischen Parlamenta=
rischen Abend des Reichstagspräsidenten, sehr zu meiner
Unlust, vor 200 „Fach“=Politikern (allen Ministern
und vielen Abgeordneten) zu orakeln. Das Au=
ditorium macht diese Anstrengung ungewohnt;
denn mit besserem Verstand sogar kann sich der
politische Outsider vor den Technikern und Spezialisten
blamieren. Was mich selber betrifft, wär's mir
Wurst - aber eine Gelegenheit wäre verpatzt. Ich
würde sie gerne benützen, um gar manchem
Trümmer von Aufrichtigkeiten zwischen die Zähne
zu schmeißen. Außerdem nutzt mir morgen, wo's
vernünftig, d.h. streng sachlich zu sein gilt, kein
Schwung und Schwafel. - Verzeih, daß ich diese
Selbstvorhaltungen zufällig Dir schreibe, - weil
sich dieser Brief gerade während meines Brütens
entwickelt. Ich könnte noch weiter sinnieren und
fragen, warum ich mir, da doch die Zeit der
Auswirkung immer kürzer wird, all die von
meinem persönlichen Weg abseits liegende Beschäftigung
aufhalse? Aber wer einmal in's Rutschen kommt!
Ja, ja ich rutsche - ohne privates Ziel. - - Dir
steht Angenehmeres bevor. Ich meine damit nicht