Berlin=Wilmersdf Berlinerstr 10.
25. Mai 1924.
Lieber Gulian!
Gern möchte ich Dir zu Deinem Namenstag in der
Gewohnheit treuer Liebe alles Herzliche sagen. Doch
weiß ich nicht, wo, wann und wie dieser Brief in
Deine Hände kommen soll? Weder Dein letzter
Brief, der die bevorstehende Reise nach Sorent an=
kündigte, noch Eure Karte aus Neapel enthielt
die Angabe einer Adresse - eine merkwürdige
Annomalie Deiner vorbedachten Genauigkeit.
Nun, solltest Du jetzt heimgekehrt sein - oder
kommst Du irgendeinmal zurück nach Wien,
so wirst Du wenigstens erfahren, daß meine guten
Gedanken am Erinnerungstag bei Dir waren!
Sie haben Dich übrigens an vielen, vielen Tagen
im Pomeranzenland gesucht. Ich kann ja nicht ver=
langen, daß Du, wie Richard Wagner in Paris
in Prokura für Mathilde Wesendonck die Schön=
heiten entgegen nahm, gewissermaßen für mich
Italien genossen hast; aber mir war's eine
Art persönlichen Gewinns, daß Dir solche Freude
beschieden worden ist. Die wehmütige Reflexion
über „spätes” Glück lassen wir bei Seite!
Anzunehmen ist gerne, daß diese Rosentage wieder
nur ein neuer Anfang gewesen sind. Es mögen
nicht allzuviele sein, die Dir die Schönheit dieses
Erlebens nachempfinden. Dazu bin ich im Stande
mit impressionistischer Einbildungskraft, die von nicht
25. Mai 1924.
Lieber Gulian!
Gern möchte ich Dir zu Deinem Namenstag in der
Gewohnheit treuer Liebe alles Herzliche sagen. Doch
weiß ich nicht, wo, wann und wie dieser Brief in
Deine Hände kommen soll? Weder Dein letzter
Brief, der die bevorstehende Reise nach Sorent an=
kündigte, noch Eure Karte aus Neapel enthielt
die Angabe einer Adresse - eine merkwürdige
Annomalie Deiner vorbedachten Genauigkeit.
Nun, solltest Du jetzt heimgekehrt sein - oder
kommst Du irgendeinmal zurück nach Wien,
so wirst Du wenigstens erfahren, daß meine guten
Gedanken am Erinnerungstag bei Dir waren!
Sie haben Dich übrigens an vielen, vielen Tagen
im Pomeranzenland gesucht. Ich kann ja nicht ver=
langen, daß Du, wie Richard Wagner in Paris
in Prokura für Mathilde Wesendonck die Schön=
heiten entgegen nahm, gewissermaßen für mich
Italien genossen hast; aber mir war's eine
Art persönlichen Gewinns, daß Dir solche Freude
beschieden worden ist. Die wehmütige Reflexion
über „spätes” Glück lassen wir bei Seite!
Anzunehmen ist gerne, daß diese Rosentage wieder
nur ein neuer Anfang gewesen sind. Es mögen
nicht allzuviele sein, die Dir die Schönheit dieses
Erlebens nachempfinden. Dazu bin ich im Stande
mit impressionistischer Einbildungskraft, die von nicht