Kienzl, Hermann: Brief an Helene Kienzl. Wilmersdorf bei Berlin, 25.9.1917
2.
ein Ende ! Und gleich ! Bevor nach Wien übersiedelt wird ! Bevor dort das Wider -
wärtigste sich stabilisiert. Wirf das Weib klar und deutlich hinaus ! Lass' es da -
rauf ankommen ! Du tust es nicht nur Dir, - auch ihm zu Liebe - - was immer er
auch dagegen sagen mag. Nur Du kannst,nur auf diese Weise kannst du ihm die rasch
verlorene Kraft zum Widerstand einigermassen wiedergeben. Ob er noch einmal im
Stande sein wird,die Kette zu zerreissen,das weiss ich nicht und wage es nicht zu
hoffen ; aber so viel Kraft und Grimm musst Du ihm wenigstens verschaffen,dass die
wieder Frechgewordene Angst bekommt und in ihre Schranken zurückkriecht.
Und schliesslich : sollte es wirklich für Dich mit einer völligen Enttäu-
schung enden - ich kann es nicht glauben ! - nun : welcher auf Selbstachtung hal-
tende Mensch ergibt sich denn freiwillig der Täuschung,welcher vermeidet Klärung ??-
Du sagst : der gute,seiner Aufgabe unterlegene Kalin trage die Schuld an der
bösen Entwicklung. Gewiss war er seinen eigenen Absichten nicht gewachsen. Gewiss
liess er sich zermürben - weniger von Lilli,als von der womöglich ebenso nieder -
trächtigen,aber gefährlicheren Marianne. Aber der eigentliche Schuldige ist nur
Gulian - er,der an dem Weiblaster klebte und darüber dritten Personen höchst son -
derbare Konfidenzen machte,wie aus den Briefen des Hermann Hoernes an mich her -
vorgeht (Gulian möge Dir nur die paar Sätze zeigen,die ich ihm vor 8 Tagen ab -
schrieb...) .Kein Freund oder Bruder - nicht Kalin, nicht ich! - konnte das Zukreuz -
kriechen Gulians hindern ; das konntest einzig und allein Du. - - Vielleicht(jetzt
denke ich nur an Dein Wohl ,nicht an das mir an's Herz gelegte meines Bruders...)
vielleicht aber wollte es Dein guter Stern,dass Du die rechte Kraft nicht aufbrach-
test....
Die Überlegung : dass man Dir nicht gegen Dich selbst helfen konnte,muss
es mir auch erklären,was sonst unerklärlich wäre : dass Herr und Frau Hofrat Jüllich
,diese von mir ohne Einschränkung verehrten Menschen,nicht eingegriffen haben,Dass
auch sie eine Lilli in ihrem Hause,in ihrer Nähe dulden...Sehr gegen ihren Vorsatz ,
den ich im April ja vernehmen konnte,und gewiss in der Meinung,Deinem Wollen und
Bedürfen dieses Opfer bringen zu müssen. Ich jedoch meine,dass ihre Liebe zu Dir
sich segensreicher durch einen entscheidenden Widerstand äussern würde. Sie müssten