Keim, Hermine: Brief an Anny von Newald-Grasse. Brunn am Gebirge, 21.8.1921
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Gewidmet in Hochschätzung
und Verehrung
Frau Hermine Keim
von A. M. Rosenfeld.
Erinnerung
Im großen, großen Gottesgarten u. auf dieser
weiten, weiten Welt,
Da gibts der Blumen viele, viele da gibts der
Blumen ungezählt.
Der mächt'ge Gärtner, der sie pflanzte, er liebt sie alle,
alle sehr,
Jedoch die vielen Menschenkinder, die liebt er alle noch
vielmehr
Es gibt auch Unkraut unter diesen, - doch selbst auch,
da veracht't er nicht,
Benetzt es mit wohltät'gem Regen, entzieht ihm auch
kein Sonnenlicht
Doch so wie alle Blumen welken, jedoch im Frühling neu
ersteh'n,
So können wir auch Menschenblumen, wie jetzt, - auch
meistens wiederseh'n.
Dabei gedenk' ich einer Witwe, in deren Aug' ich Tränen
sah;
Weil durch den Tod des edlen Gatten, ihr, ach so tiefes
Leid geschah.
Sie selber - seine liebste Blume, sie ziert noch heut
sein trautes Heim,
Liebkosend küßt sie jene Blätter, die er zurückließ,
ihr Franz Keim.
O, sei getrost, du fromme Witwe: Dein Gatte liebte
seinen Herrn,
Dein Gott, er wird auch weiter sorgen, er, seines
treuen Hoffnungsstern.
Der Witwen und der Waisen Vater, gedenkt wol auch in
Liebe Dein,
Bis du dort oben darfst für immer einst
eine Himmelsblume sein