Kienzl, Wilhelm: Brief an Richard Strauss. Bad Aussee, 5.7.1919
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bürgertes Werk gleichzeitig an
2 Bühnen ohne gegenseitige Schä-
digung stets bei ausverkauften
Häusern gegeben werden kann.
Und Weingartner wird gewiss sich
nicht weigern, den „Kuhreigen”
der „Hofoper” zur Aufführung zu
überlassen! Staatskanzler Ren-
ner interessirt sich überdies, wie
er mir wiederholt aus freien
Stücken sagte, ungemein für eine
Aufnahme des Werkes an der „Hof=
oper” von seinem politischen
Standpunkte aus. Er äußerte
sich, dass er gern persönlich dafür
sich bemühen möchte, wenn er
Aussicht auf Erfolg seiner Schritte
hätte.
Schalk, der mir in diesem Punkte
Bedenken zu haben scheint, würde
lieber ein anderes meiner Opernwer-
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ke aufgeführt haben, so - wie
er mir wiederholt sagte - den ihm
genau bekannten „Heilmar”.
Gewiss würde mich auch das freuen,
wenngleich ich nicht verschweigen
will, dass mir der „Don Quixote”*)
(den ich für mein bestes Werk
halte) weitaus am meisten am
Herzen liegt, ja dass seine
Aufführung in Wien, vorausgesetzt
dass sich ein vorzüglicher Vertre-
ter der Titelrolle u. der Tenor=
buffo= Parthie des Sancho Pansa
findet, die tiefste Sehnsucht
meines Herzens bildet.
Verehrter Freund und Meister,
entscheiden Sie nun! Lassen
Sie mich nicht als Bettler vor
den Toren jenes Hauses stehen
das mit einem meiner Werke den

*)Sonst gäbe es noch: „Urvasi” und die Bauernkomödie „Das
Testament”.