Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 20.1.1919
Felix Salten, Schönherr, Maler Schmutzer
(der berühmte Radierer), Lehar, Kienzl!,
die Schauspieler Tressler, Sieber, Frl. Marberg,
Frau Heberle, u. s. w., auch Scheidls
Prachtvolles Buffet, Bier, Wein, Tee, Kaffee,
Himbeersaft, Cigarren - viele heitere
Vorträge am Klavier, mit der Laute, Mund-
harmonika; großer Uebermut, aber durchaus
vornehm u. fein. Auch ich spielte etwas von
mir. An der Eingangstür standen vor
den Schweizer Wappen u. Fahnen 2 Söldner
(Landsknechte) aufgestellt, neben ihnen eine
Stange mit dem Hut Tressler's (statt Gessler's)
dem jeder - wie im ‚Tell‘ - seine Reverenz be-
zeugen mußte. Die Söldner empfingen
jeden eintretenden Gast mit lautem
Trommelwirbel - ganz originell.
Es wurde viel getanzt. Ich ging um 2 Uhr
früh u. wurde von der Türkenschanze im Schwei-
zer Automobil nach Hause geführt.
Es soll aber bis 7 Uhr früh (!) fortgedauert
haben. - Nun weiß ich nichts Neues mehr.
Bin ich ein Lumperl?
Hier lege ich die Umrayonnierung für
Deine Lebensmittelkarten bei.
Eine Schachtel mit Bretzerln u. Zuckerln
folgt ehestens nach.
Es umarmt Dich herzlich Dein alter Gatte
Wilhelm
Halte Dich, werde gesund, sei brav!
Sei heiter u. hoffnungsvoll!