Kienzl, Wilhelm: Korrespondenzkarte an Lili Kienzl. Wien, 30.1.1919
Liebe Lili! WIen, 30. Jänner 1919.
Ich bekomme keine Nachricht von Dir! Was bedeutet
das? Hoffentlich bist Du wohl u. schreitet Dein Befinden
vor. Ich habe nun nur eine Besorgnis, dass Du, wenn Du
nach dem langwierigen Zimmerleben ins Freie gehst, Dich
bei der herrschenden Feuchtigkeit u. zeitweilig auch Kälte
verkühlst! Du mußt jetzt doppelt vorsichtig sein, dicke Strüm-
pfe tragen, warmen Hosen u. den Rücken schützen. Ja? Wirst Du
brav sein? Vorgestern war ein gutes Souper in kleinem Freundeskreise
bei Weingartner's, das dem Staatskanzler zu Ehren gegeben wurde u.
dem auch ich beigezogen war. Es handelte sich, dem Kanzler
Dr. Renner über die wichtigen u. brennenden Kunstfragen im
neuen deutsch=österr. Staate Aufklärungen zu geben u. ihn für die
für den Staat, für Wien u. uns Künstler hochwichtigen Pläne
u. Reformen in der Organisation der Kunstangelegenheiten zu
interessiren. Dieser gesunde, frische, kraftvolle u.
geistvolle Mann, der jetzt die Geschicke Deutsch=Oesterreich's lenkt,