Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 9.1.1919
dass ihn aber die Behörde in letzter Stunde
wegen Bolschewiken=Gefahr (!) verboten habe!
Unglaublich! Dafür verhandelt jetzt Ber-
lin mit Weinberger über „Kuhreigen“. Dort
soll das Werk in großartiger Ausstattung den
ganzen Sommer hindurch serienweise
gegeben werden. - „Weibi“ ist noch immer
nicht hier angekommen. Die wird schön viel
von der Schule versäumen. Ich habe Dir
heute 500 Kronen von der Bank schicken
lassen, damit Du nicht etwa in Verlegenheit
kommst. Ist's Dir recht? Bewahre das Geld
nur gut auf! Gestern ist hier der Schrift-
steller Peter Altenberg, der Bruder der
Gretl Engländer (Wien, IX, Alserstraße 41) im
60. Lebensjahr gestorben. Emma ist sehr
krank (leichte Lungenentzündung, Herzbeschwer-
den). „Floh“ ist in Gefahr, sein zweites Auge zu
verlieren, so dass er wird sein Studium auf-
geben müssen. Er wird nun wohl Schauspieler
werden, wonach schon lange sein Wunsch ging.
Dr. Beurle in Linz ist vor ein paar Tagen
59 Jahre alt gestorben. Es wird Dir leid
sein um ihn. Er war einer der besten Freunde
Deines Papa's. So geht Einer um den Andern.
Nun weiß ich nichts Neues mehr. Schreibe
bald Deinem alten um Dich besorgten Gatten
Wilhelm
Grüß' herzlich Ida, Hedwig m. Familie, Simels, Frau
Dr Beistorffer u. Brucker's!