Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Graz, 25.4.1919
u. die Blumensträuße von Dir, von Stücker's
u. von Frl. Rauscher legte. Sonst sah ich noch
Auegg, Hutmacher Skriwanek, Bürgermeister Fizia u Frau,
Dr Withalm, Kleindienst. Mit der Kiegerl verkehre ich
seit ihrer Impertinenz nicht mehr, obwohl sie mich
durch Frau Stücker zum Telefon bitten ließ, was ich nicht
tat! Um Primus erkundigte ich mich auch, u. zw. in
einem Geschäft im Haus des Sanatoriums Wiesler u. erfuhr
dass es ihm sehr gut gehe, dass er überaus verwöhnt werde
von seiner Herrin, der Tochter der Frau Wiesler, den Wagen beim
Ausfahren immer anbelle u. jetzt schon mit seiner Herrin
in Frohnleiten sei. Beim Zahnarzt Dr Klauser ließ
ich mir 2 Zähne plombieren u. einen Stockzahn reissen.
Auch lustig! Es gelang mir, Deinen Wunsch zu erfüllen
u. für Dich Reispuder u. Vaselin zu erlangen. Für mich
erlangte ich Saccharin. Ich lege hier ein Blättchen (u.
Blume) aus dem Stadtpark bei. Deine beiden Briefe
hierher erhielt ich u. von Marianne ein Telegramm zur
100ten. Einen lieben Abend verbrachte ich mit meinen
in voller Zahl erschienenen Gymnasialkollegen im
Hôtel „Birn“. Um Autogramme wurde ich viel angegangen,
(u. A. gab mir der Cafètier vom „Thonethof“ für eines 10 Kron[en]).
Als Reise= u. Aufenthaltsentschädigung vom Stadttheater
erhielt ich 300 Kronen. In's Theater zur 100.ten hatte
ich eingeladen: Emma, Kurt, Frl. v. Griendl, Marianne,
Augustin u. Frl. Pusch (die mir einen rührenden Dankbrief
schrieb) [alle in die große Loge], Kalin, Frl Rauscher u.
Mutter u. Hrn. Heinzl (Mama's anhänglichen Zimmerherrn) [auf
4 Sperrsitze], Kathi [auf die Galerie]. Alle meine Freunde
waren im ausverkauften Theater. Minutenlanger stürmi-
scher Empfang, als ich an's blumengeschmückte Pult trat, Or-
chestertusch, unzählige Hervorrufe, Strofe auf mich im Spott-
walzer, Zusammensein in der „Birn“ bis 2 Uhr früh (auch Robert
Sander's Sohn war dabei). Hadwiger als „Evglm“ wundervoll, ebenso
Perman als Johannes, Orchester glänzend. Ich hatte eine große Kla-
vierprobe gehalten, aber keine Orchesterprobe! Und nun
umarme ich Dich als Dein Dich liebender
Wilhelm