Kienzl, Wilhelm: Korrespondenzkarte an Lili Kienzl. Wien, 29.3.1919
Mein liebes, liebes Kind! Wien, 29. März 1919.
Also Du bist wieder allein, wie ich eben aus Deiner lieben Kar-
te vom 26. d.M. entnehme. Es war ja sehr lieb, dass Marianne zu Dir
kam; aber sie hätte doch länger bei Dir bleiben sollen. Übrigens
ist sie gerade noch rechtzeitig vor der Einstellung der Züge fortgekom-
men; denn nun ist der Eisenbahnerstreik zu allem Überflusse
auch noch dazugekommen. Mein Hals ist völlig gut, u. ein kleiner He-
xenschuss, den ich mir vorgestern in dem mir von Marie zu kalt gemach-
ten Bade holte, ist auch schon wieder fast ganz geschwunden. Sonst
geht's mir gut bei aller Kargkeit des Essens. Sei froh, dass Du so gut
versorgt bist. Überall in Deutsch=Österreich hungern die Leute;
nur nicht in Oberösterreich! In mein Zimmer flutet die Sonne
wundervoll herein, u. ich kann Dir gar nicht sagen, wie glücklich
ich in diesem Heim bin u. erst wäre, wenn Du zur Einsicht
kämest u. Dich in meine jetzigen Verhältnisse finden
würdest, so lange sie unabänderlich sind. Auch ich
sehne mich nach häuslicher Ordnung, obwohl Marie sehr