Kolig, Anton: Brief an Richard von Schaukal. Nötsch im Gailtale, 12.2.1915
12. Feber 1915
Lieber Freund !
Wir sind in tiefgedrückter Stimmung.
Heute reisten meine Mutter Bruder und Schwägerin
ab - mit zweistündiger Verspätung. Seither
kam der Zug nicht mehr zurück der längst
hier sein sollte. Es liegt über ein 1/2 Meter schwerer
nasser Schnee und es schneit unaufhörlich weiter
tauben Ei große Flocken. In kurzen Abständen
das Donnern stürzender Lawinen. Ein paar
Dächer sind schon eingedrückt - mein Atelier ist
stockfinster - um dahin zu gelangen mußte ich
zwei Stunden schaufeln.
Heute wurde ich vom Gendarmeriewachtmeister
dahin angesprochen, ob ich Eignung und Lust hätte,
mich als Spion nach Italien zu verdingen. Es sei
höheren Orts die Weisung erlassen Spione zustande
zu bringen - sich durch die denkbar möglichsten Mittel in
den Besitz italienischer Pässe zu setzen. Ich habe weder
Eignung noch Lust.
Es wird hier fieberhaft befestigt - in Bleiberg-Kreuth
sind 500 Russen zum Aufwerfen von Schützengräben
eingetroffen (Gw. sind im Eintreffen)