Koppel-Ellfeld, Franz: Visitenkarte an Franz Josef Böhm. Dresden, 5.5.1914
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Gastspieltourneen zu suchen war ihm auch nachgerade schon ganz zuwider.
Aber das Theaterblut ließ ihm Tag und Nacht keine Ruh und beutelte ihn, den Millionär, wie ein hilfloses armes
Hascherl so lang herum, bis es ihn wie das böse Gewissen doch wieder auf die
Bretter hinauf hetzte. Mich selbst muthete es wirklich wie ein letzter ver=
zweifelter Versuch, ob er sich Ruh erspielen könnte, an, als er - zu mildem Zweck
natürlich - wieder einmal auftrat - und zwar in einer Lieblingsrolle als
„Steinklopferhans“ in Anzengrubers „Kreuzelschreibern“. Ich fühlte, wie Angst und
Beklemmung, ein sonst bei ihm ganz ungewohntes Coulissenfieber, ihm fast den Athem benahm
und ich beschloß, das Haus zu verlassen um so mehr als der gefeierte „Ehrengast“,
mich, worüber selbst der Direktor sich wunderte, bitten ließ, vom gewohnten Besuch
in seiner Garderobe heute schonend ab zu sehen. Es ist auch für mich besser,
dachte ich, und wollte eben meine Garderobe entnehmen, da rauschte lauter wie
sonst - so kam mir's vor . . , der Vorhang in die Höhe - zum dritten Akt und der
gewaltigen Scene im Steinbruch, wo der „Steinklopferhans“ dem Anton vom „gelben Hof“
seine „extraige Offenbarung“ verzählt, seit der ihn Niemand mehr traurig
gesehen hat. Einen Blick wollt ich doch rasch auf die Bühne werfen, that's und sah
Felix, wie er seinen großen Steinblock sakrisch bearbeitete, daß die Funken
stoben, und dann hörte ich, es klang ganz wie von Einem, der frei nach Anzengruber=
Ibsen „Gerichtstag über sich selbst hält“ „heraus mußt, heraus! Sollst verderben,
stirbst draust, . . die grün' Wiesen breit't dir a weiche Tuchet unter und d'Sonn
druckt dir die Augen zu, der Tod is nur a Bremsler, wos kann dir geschehen?“
Aber nunmehr bitt' ich die geehrte Leserin, die hochpoetische Stelle, wo der „Steinklopferhans“ die „Ein-
gebung“ gehabt hat und wie ihm da geschehen ist, gütigst selbst nachzulesen. So
etwas muß man eigentlich auswendig wissen, um es immer bei sich zu haben.
Ich bin natürlich nicht fortgegangen, ich war wie gebannt, ich fühlte es
mit einmal; Der da droben erlebt jetzt was . . und mir kams selbst wie eine
„Eingebung“, als müßt' ich's miterleben. Und wie der Zwischenakt=Vorhang fiel und wieder
in die Höhe mußte und so eine Weile fort, da konnten mich keine zehn Theater=
diener zurückhalten, über ihre Leichen . . . dh ein paar Fünfmarkstücke thaten's
auch -, die Thür flog ganz von selber auf, Felix an mein Herz und: „Alter Junge!
rief ich, so hast Du ja noch nie . . . “. „Das war eben auch die Eingebung, weißt
Du, einen heiligen Eid drauf: das war eine Offenbarung; ja heut' hab ich
meinen Anzengruber erlebt, meinen Helfer - ich der Steinklopferfelix Schweighofer,
der schon halb ein trauriger Trottel war . . Juhuhu!! heut bin ich wieder lustig und
bleibs, so wahr wie die ganze Welt wieder lustig ist und soll's bleiben und
sollt auch kein andres Menschenkind traurig sein und Einem die lustige Welt
verderb'n“. Morgen fahr ich hinaus in's lachende Leben, wenn's mei Freund
bist, kommst mit! Du und ich und - hurra Du mein Anzengruber dazu - Du sollst leben! -
heut sag' ich zu Dir: „Pfarrer, Du bist do der rechte!“ und jetzt weiß ich, Recht
hast, daß Du's Dein „Horlacherliesel“ predigen laßst':
„Unser Herrgott hat's Leben
Zum Freudigsein geb'n!“