Koppel-Ellfeld, Franz: Visitenkarte an Franz Josef Böhm. Dresden, 5.5.1914
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„Soll ein Wort sein Lixerl, adjes! Glück auf den Weg und auf lustige
Wiederschau!“ So innerlichst vergnügt hab ich mich selten aus dem Theater
hinaus und „heimgefunden“. Und zum Glück war es kein bloßer Theatereffekt.
Denn wie gründlich der Dichter=Helfer Anzengruber dem verdatterten Felix damals
wieder in's Leben hineingeholfen hat, das sollte mir erst nach Jahr und Tag offenbart
werden, als er längst zum zweitenmal glücklichst verheiratet und Ruh und Friede an
Stelle von Hetz und Jagd nach Geld und Erfolg in sein traulich vornehmes zweites Heim
in Dresden-Blasewitz eingezogen war. - Nach einem im „Felixhof“ an der Hochuferstraße
daselbst gemüthlichst verbrachten Sommerabend, Felix und ich hatten der Schwüle wegen
uns in's duftige Gras gelagert -, da schwärmte er zum so und so vielten Mal von seiner
durch Anzengruber bewirkten Wiedergeburt durch Leid zur Freud - und ich sollt' ihm das
erklären, ob das nicht reinster Pantheismus und das Goethe'sche „Stirb und werde!“ wäre?
Wörtlich so und nicht etwa blos Schall und Rauch, sondern Sinn und Verstand in der
Frage, über die ich hätte sofort in eine fachgemäße Diskussion mit ihm mich einlassen
können. Ich hatte ihn nicht umsonst vor einigen Jahren in den „Kreis der Vierzehner“
als höhere Bildungsstätte mit Kneiphumor eingeführt, wo er auch Eingebungen und Offenbarungen als wissensdurstigster
Schüler erlebte und als Meister zugleich so oft zum Dank mit Musterproben und
nicht zum wenigsten mit Anzengruber'schen aus seiner Kunst reich sortirtem Lager
uns heimgezahlt hat. Aber so mollig im duftenden Gras zu philosophischem
Schall und Rauch im Kammerspielton nicht aufgelegt sagte ich blos: „Laß es
was immer für einen Mono- Poly-A . . oder Pantheismus sein!“ Die
Wissenschaft wird's so alle zehn Jahre anders auslegen. Deine Kunst aber, Lixerl,
ließ es mit Anzengruber'scher Wucht in Dir zu freudiger Gewißheit werden,
daß es der Gottnatur Wille sei, sich selbst in ihren Schöpfungen und Geschöpfen
abzuspiegeln und wieder zu erkennen . . . Und da mag's ja wohl kein anderes
Mittel geben, als durch Leid das überwunden werden kann und soll alle
Geschöpfe anzustacheln, sich zu immer höhern Wesen, zum Uebermenschen und immer
höher hinauf zu entwickeln. Um ein klein winzig Beispiel anzuführen. Ich
bin selbst auch stets so ganz unverantwortlich darauf los gestürmt . . bis ich
eines Tages für eine harmlose Mißachtung literarischer Gepflogenheit mit Keulen=
schlägen halb tot traktirt wurde - und daß von einem Mann, dem ich nie ein
Härchen gekrümmt hatte. Das hätte ich mit bestem Gewissen sofort bemeineiden
können. Zum Glück war ich durch die meine ganze Lage umkrempelnden
Folgeereignisse und dramatische Produktion so in Anspruch genommen,
daß an momentane Racheaktion gar nicht zu denken war - und kalte Rache habe ich
nie gekannt. Die Sache fing erst später mich zu wurmen an: zufällig entdeckte
ich in einem Winkel meines Arbeitszimmers nicht das Glück, sondern viel mehr
meines Unglücks Ursache: ein Bändchen lyrischer Gedichte mit ein paar freundlichen
Zeilen, daß der Verfasser auf mein Urteil Werth lege. Und das war der Mann, der
mich mit Keulen geschlagen . . . ein Mann, dessen glänzender Name mir sympathisch
war, den ich ohnehin gern kennen gelernt hätte - und den ich einfach unverant=
wortlich ohne auch nur einen Schimmer von Entschuldigung direkt idiotisch ignorirt
hatte. Und nun begann ich mit der Selbstzüchtigung: ich las in dem Buch, ich
erröthete vor mir selbst, die Haare sträubten sich: das ist zu viel! Das verdien ich
nicht! Doch ich verdien's - aber wie ertrag ich's? Selbstverständlich war ich damals
im Wust von Amtsgeschäften, wo ich amtlich alle Tage mindestens drei eingesandte
Dramen - natürlich nicht las, aber schon bei jedem unoffiziell eingeschickten Buch
einen Nervenschock erlitt, noch zu entschuldigen und selbst ein paar Jahre nach den Keulenschlägen
hätte ich noch . . . Aber nein jetzt gab's nur noch: den Gewissenswurm, den mir die