Kraus, Karl: Brief an Siegfried Jacobsohn. o.O., 28.1.1924
28. Jänner 1924
Sehr geehrter Herr Jacobsohn !
Ihre Aufforderung, ich möge endlich nach Berlin kommen,
"schon um Viertel zu helfen", gibt mir das Recht, die so wohl=
tuende Meinung, die sich in ihr auszusprechen scheint, mit Ihrem
publizistischen Urteil über Viertels Wirksamkeit zu konfrontieren.
Alles Recht zugestanden, das Sie auf solche selbst durch offen=
barte Freundschaftsgefühle nicht zu beugende Unbeugsamkeit haben
mögen, muss ich Ihnen nun sagen, dass ich aus der menschlichen
Beziehung, in der Sie zu Viertel gestanden sind und mir mit
jenem Hilferuf noch kürzlich zu stehen schienen, ein wenig Vor=
eingenommenheit für ihn als ein Plus auf den Wert Ihrer Kritik
gern zuschlagen hätte. Wenn Sie mir einwenden werden, dass
Viertels Regieleistungen Ihrem günstigsten Vorurteil die auf=
fallende Schärfe Ihres Urteils abgezwungen hätten, so möchte ich
Ihnen entgegenhalten, dass nach meinem Blick über die Sachlage
hier doch die Erkenntnis der Persönlichkeit (an die mit dem
Epitheton "gescheit" kaum etwas wie ein Anerkennungszins ent=
richtet erscheint) stark genug sein müsste, um das Verdikt nicht
so völlig objektiv und voraussetzungslos zu fällen, als ob es
sich um den Nächstbesten handelte, den nicht auch Sie davor auf
eine Höhe gestellt haben, und so ganz ohne Rücksicht auf die ge=
hässigen Minderwertigkeiten des Theater= und Journalbetriebs,
die daran ihre Freude haben. In diesem Sinn würde ich, und wenn
meine Auffassung eine noch so gegnerische Stellung gegen
Viertels dramaturgische Tätigkeit von mir verlangte, mich hüten, aus
meiner Voreingenommenheit und vollends wenn sie schon ihren
stärksten publizistischen Ausdruck gefunden hätte, ein Hehl zu
machen, und ich wäre doch teilnehmender um Uebergang und Moti=
vierung bemüht, um den Beistand zu einer Sache, deren Schwierig=
keiten nicht geringer sind als der laut bekundete Glaube an den
Mann. Aber ich muss auch, und mit dem gleichen Anspruch auf
Objektivität wie dem eines Richters, der solche Wärme nicht auf=
zubringen vermag, Ihnen sagen, dass, nebst allem Vorurteil für
die Persönlichkeit, die eine Stunde, die ich Viertel im "Kauf=
mann von Venedig" Regie führen sah, mir vollauf genügt, ihn in
einer geistigen Erfassung des Theaterwesens hoch über die Kräfte
zu stellen, die ich durch etliche Theaterabende am Werk gesehen
habe und für die ich immerhin das so günstige Vorurteil mitge=
bracht hatte, dass sie Ihren uneingeschränkten Beifall fanden.
Ich halte es sohin für absolut ausgeschlossen, dass was immer
ein Mann wie Viertel anpackt, von aller Redlichkeit, Echtheit
und Unverschrobenheit des Wollens abgesehen schlechter ausfallen
könnte als die Leistung des Regisseurs, der in Berlin Othello
und Grabbes Napoleon erneuert hat. Ich erwarte von Ihnen nicht