Kralik, Richard: Brief an Hans Schlitter. Wien, 25.1.1925
Wien 25. Januar 1925
Mein lieber guter Freund Hans Schlitter!
Zum dauernden Gedächtnis, um Lebens und Sterbens willen,
möchte ich hier unser freundschaftliches Verhältnis zu meiner
Geschichte Wiens historisch festhalten. Du hast mir am 12. Oktober
1910 den Auftrag Holzhausens gebracht, für dessen Verlag eine
Geschichte Wiens zu schreiben. Da Du zuerst die Absicht aussprachst,
eine ausführlichere Einleitung und ein ausführliches Schlußkapitel
zu schreiben, da Du außerdem die Vermittlung wegen der Widmung an
den Erzherzog Thronfolger übernahmst, mit dem Du in guten Beziehungen
standest, so kamen wir überein, auch Deinen Namen auf das
Titelblatt zu setzen. Nun hattest Du aber keine Zeit, die beab-
sichtigten Teile des Buches zu schreiben, weshalb ich es denn ganz
allein geschrieben habe. Dennoch ließ ich aus Freundschaft und Dank=
barkeit für die Anregung Deinen Namen auf dem Titelblatt der
ersten Auflage. Ich bemerkte aber in meiner Vorrede, daß ich die
ganze Darstellung allein ausgeführt habe; deine „kritische
Kontrolle“, von der ich in der Vorrede sprach, bestand darin, daß Du
(und Oswald Redlich) mit mir die Korrekturen laset, wofür
ich Euch beiden sehr dankbar sein muß. Noch unmittelbar vor
Ausgabe des Werkes im Dezember 1911 warst Du bereit, Deinen Namen
im Titel zu streichen, weil die Hauptveranlassung, nämlich Deine
Tätigkeit wegen Erlangung der Widmungsbewilligung, nicht zum
Ziel zu führen schien, indem der Erzherzog mit der Einwilligung
sich stark verzögerte. Du hast nach Ausgabe des Werkes gegen nie-
mand ein Geheimnis daraus gemacht, daß ich allein das Ganze
geschrieben habe. Ich habe denn auch ganz allein das Honorar
dafür bezogen. – Das Werk war etwa gleichzeitig mit dem
Zusammenbruch der Monarchie vergriffen. Als es sich