Kristeller, Paul: Brief an Artaria und Comapgnie. Meersburg, 15.2.1925
[Vermerk von anderer Hand:] Geschr u. ges.
17/2 25
Meersburg (Bodensee)
15. II. 1925
Sehr geehrter Herr Artaria
Für Ihren freundlichen Brief, den mir
Herr Cassirer übermittelt hat, sage ich Ihnen
meinen besten Dank. Es würde mich in der Tat
sehr interessiren, den Katalog u den Brief in
Ruhe durchsehen zu können. Die Rücksendung
ist wol nicht so eilig. Ich werde die Schriften
sorgfältig aufheben. Allerdings habe ich
mich mit dem Gegenstande seit langen Jah-
ren nicht mehr beschäftigt u muß mich erst
wieder in die Sache etwas hineinfinden.
Wie Sie sehen, sitze ich hir auf dem Lande
seit 6 Jahren u beschäftige mich mit land-
wirtschaftlichen Arbeiten. Die heutige Kunst-
„wissenschaft” mit ihrem verstiegenen Phrasen-
tum ist mir schon seit langem verleidet.
Ich hätte aber still für mich weitergearbeitet,
wenn ich hätte reisen u ohne Notwendigkeit
des Geldverdienens leben, weiterleben können,
u wenn die Umstände nicht zu andern Einstellung
gezwungen hätten. Jetzt wo es mit der Land-
wirtschaft schlecht geht, suche ich allerdings
wieder durch kunstgeschichtlichen Unterricht
in Konstanz mir eine Thätigkeit zu ver-
schaffen. Wenn Sie einmal Ihr Weg in
unsere wirklich schönste Gegend Deutsch-
lands führt, würde es mich sehr freuen,
Sie bei mir begrüßen zu können.
Die von mir vor 2 Jahrzehnten geplante
Veröffentlichung der italienischen Niellen
ist seiner Zeit leider an dem Widerstande
Edm. de Rothschilds gescheitert. Jetzt könnte
ich kaum mehr hoffen, sie ausführen zu
können. Wie ich vor einiger Zeit durch
Colnaghis (Meyr) hörte, plant Rothschild
oder sein Secretair Blum eine Veröffentli-
chung über diesen Gegenstand.
Indem ich Ihnen nochmals bestens danke
u der Zusendung des Katalogs u des Briefes
entgegensehe, grüße ich Sie ergebenst in
größter Hochachtung
Paul Kristeller