Lempruch, Moritz Erwin von: Brief an Karl Kraus. o.O., 16.1.1917
Wortgetreue Abschrift
des Briefes einer Soldatenfrau an ihren in der
Front stehenden Mann. (Bei der Zensur entdeckt.)
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Lieber Joseph, ich theile Dir mit, dass ich
mich verfehlt habe. Lieber Joseph, Du verzeihst mir
alles, was ich Dir mitteile, ich bin in die Hoff-
nung geraten von einen andern. Ich weis ja, das Du
gut bist und mir alles verzeihst. Er überredete
mich, sagte Du kommst nicht mehr zurück vom felde
und hatte dazu meine schwache Stunde benüzt, Du
kennst weibliche Schweche und kannst nichts bes-
seres thun, als mir verzeihn es ist schon passiert
weil Du schon 3 Wochen nicht mehr geschrieben
hast. Ich bin ganz erschrocken, als ich Deinen
Brief erhalten habe und Du noch am Leben bist.
Ich wünsche es Dir aber verzeihe, mein lieber, gu-
ter Joseph, vielleicht stirbt das Kind, dann ist
alles wieder gut.
Ich mag diesen Kerl nicht, weil Du noch am Le-
ben bist. Bei uns ist alles teuer, ist gut, dass Du
im Felde bist, kostet Dir wenigstens das Esen
nichts. Das Geld, was Du mir geschickt hast, kann
ich notwendig brauchen.
Es grüsst Dich villmals deine nach Dir seh-
nende, unvergessliche
Frieda.
[roter Stift:]
(Baron Lempruch)