Richter, Emilie: Brief an Max Richter. o.O., 2.7.1856
Sie mich lieben - und können Sie, mein
verehrter, allzuweiser Herr, von sich dasselbe
behaupten? Und nun wollen Sie gar „einfach
und ohne Gelehrsamkeit wissen, warum ich
Sie liebe! ja, fragen Sie nur, können denn
Sie, ohne Aufwand von Gelehrsamkeit, einen ver=
nünftigen Grund angeben, warum Sie mich
lieben? mich, ein kleines, unbedeutendes,
ganz gewöhnliches Mädchen, ohne hervorra=
gende Eigenschaften, mit tausend Fehlern,
ohne Schönheit – und lassen Sie mich Ihnen sagen,
daß ich neulich einmal, als Jenny und ich in
den Spiegel schauten, und sie neben mir so
reizend hübsch war, Sie recht herzlich bedauerte –
also warum lieben Sie mich – wenn 's nicht durch
einen eigenen Befehl meines guten Genius
geschieht? Nun sehen Sie, jetzt hätte ich gar
nicht mehr nöthig, darauf zu antworten,
ich werde es indessen doch thun, weil ich es kann;
da aber hier kein Raum mehr ist, so folgt die
Fortsetzung im nächsten Blatte. Bis dahin vergessen Sie
zwei Dinge nicht - das „Einmaleins“ und Ihre Emmy