Lasker-Schüler, Else: Brief an Karl Kraus. o.O., 19.5.1917
19. Mai 17
Lieber, verehrter Karl Kraus.
Sie schreiben mir nie und ich weiß kaum mehr
Ihre Adresse, aber die muß stimmen. Denken
Sie ich träumte sie eben denn ich war müde
am hellen Tag, schlief ein und bin nun wieder
wach und schreibe Ihnen. Schon lange wollte ich
es, aber Sie haben gar kein Interesse mehr für mich.
Auch empfinde ich es fast für eine Beleidigung,
daß Sie meinen geliebten Paul nicht leiden mögen,
der der einzige Mensch hier in Berlin ist, fast der
einzige, mit dem man über Kunst sprechen kann.
Keiner so wie er hat Ihren Vortrag so künstle=
risch gefaßt wie mein Paul, auch Ihr Gesicht. Ver=
stehen Sie mich, Karl Kraus. Was in mir ver=
wischt und verdorrt, verknorpelt ist unter der
Härte im Kampf mit der furchtbaren, nüchter=
nen Menschheit, blüht in Paul viel pracht=
voller auf. Sie wissen doch von Kete Parsenow,